Rhodos – Tag 5

Vati – Ágios Isídoros – Kloster Artamíti – Émbonas – Láerma – Kloster Tharí

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Am fünften Tag auf Rhodos stand mein letzter Umzug vom Süden der Insel in die Region um Líndos auf halber Strecke zwischen Süden und Norden an, den ich mit einem Umweg durch das Inselinnere verbunden habe.

Vati

Vati1Wenn man die Straße von Gennádi an der Ostküste nach Apolakkía an der Westküste entlangfährt, kommt man auch an Vati vorbei, einem Dorf, das man leicht verpassen kann, da die Straße nicht mitten durch den Ort führt, sondern am Ortsrand vorbei.

Kurz gesagt, auch ich habe dieses Dorf sozusagen übersehen, allerdings an einer kleinen Kapelle gehalten, die sich bei Vati an der vorbeiführenden Hauptstraße direkt ein paar Stufen über der Straße befindet.

Die Kapelle ist weder in meinem Reiseführer erwähnt noch auf einer meiner drei Landkarten noch in Google Maps eingezeichnet und sie könnte, wenn man von Gennádi kommt, noch leichter übersehen werden als das Dorf selbst – wenn nicht kurz vorher an der Straße ein Schild stünde, das ihren auffallend ausführlichen Namen preisgibt: St. Raphael, Nicholas und Irene.

RaphaelNicholasIrene
St. Raphael, Nicholas und Irene bei Vati, an der Straße in Richtung Gennádi, Quelle: Google Maps/Google Earth

Solche Kapellen am Straßenrand oder im Nirgendwo sind auf Rhodos (und noch mehr auf Karpathos) nicht ungewöhnlich und die meisten haben keine kulturhistorische Bedeutung, aber meistens sind ihre Türen geöffnet und man kann sie sich innen ansehen und nicht selten Grüße in einem ausgelegten „Gästebuch“ hinterlassen.

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In dieser Kapelle waren Wände und Decke recht farbenfroh mit Bildern von Heiligen geschmückt und ich fragte mich, wer nun die drei Namensgeber waren und was es gerade mit ihnen auf sich hatte, da es doch weit mehr als nur drei Figuren von Heiligen in dieser Kapelle gab.

Es stellte sich heraus, dass es um das Bild ging, das auf dem Foto halblinks zu sehen ist – mit Raphael links auf dem Bild, Nicholas rechts und der nur halb so großen Irene in der Mitte zwischen den beiden.

Mit meinem praktisch nicht vorhandenen Wissen über die griechisch-orthodoxe Kirche musste ich recherchieren, welche Geschichte sich hinter den drei Personen verbirgt.

Raphael, Nicholas und Irene sind sogenannte „Moderne Heilige“ oder „Neue Märtyrer“, was nicht heißen muss, dass sie in der jüngeren Vergangenheit lebten – tatsächlich lebten die drei im 15. Jahrhundert -, sondern vor allem dass sie erst jüngst in den Status von Heiligen erhoben wurden. Die Geschichte geht etwa so:

Jahrhundertelang gingen die Menschen auf der griechischen Insel Lesbos am Dienstag nach Ostern zu den Ruinen eines alten Klosters. Im Laufe der Zeit vergaßen sie aber den Grund für diese jährliche Pilgerung, bis auf eine vage Erinnerung, dass dort einst ein Kloster stand und die Mönche von Türken ermordet wurden.

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Entdeckung der sterblichen Überreste des Heiligen Raphael im Jahre 1959. Quelle: http://full-of-grace-and-truth.blogspot.com/2012/04/sts-raphael-nicholas-and-irene-newly.html

Im Jahre 1959 wurde eine Kapelle in der Nähe der Ruine gebaut und beim Legen des Fundaments wurde ein Grab entdeckt. Die Ausgrabungsarbeiten waren von wunderlichen Vorkommnissen begleitet: Der Ausgrabungsleiter konnte den Sack mit den Knochen des Begrabenen nicht heben, so schwer waren sie, er hörte Stimmen, die von den Knochen kamen, und sie verströmten einen wohlriechenden Weihrauchduft. In der Nacht erschien einem Priester St. Raphael und er offenbarte ihm, dass er der Begrabene war.

Kurz darauf erschien St. Raphael vielen Bewohnern von Lesbos im Traum, und in den Jahren 1960 bzw. 1961 erschien ihnen St. Nicholas und St. Irene. Sie offenbarten ihnen ihre Geschichte und baten darum, ihrer und ihres Martyriums zu gedenken.

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Martyrium des Heiligen Raphael, Nicholas und der Heiligen Irene. Quelle: http://full-of-grace-and-truth.blogspot.com/2012/04/sts-raphael-nicholas-and-irene-newly.html

Der etwa im Jahr 1410 auf Ithaka geborene St. Raphael war Mönch und später Klostervorsteher jenes Klosters auf Lesbos. St. Nicholas war sein treuer und ihm ergebener Schüler. Im Jahre 1463 wurde Lesbos von Türken erobert, das Kloster wurde überfallen und die Mönche gefangen genommen. Sie wurden von Gründonnerstag bis zum Dienstag nach Ostern gefoltert. St. Raphael wurde an einem Baum aufgehangen und ihm wurde das Kinn abgesägt, bevor er geköpft wurde. St. Nicholas wurde auch gepeinigt und er musste bei der Folter seines Lehrers zusehen. Er starb angesichts dieser Schrecken an einem Herzanfall. Irene war die zwölfjährige Tochter des Dorfbürgermeisters, die versucht hatte, die Mönche vor dem Überfall durch die Türken zu warnen. Aber nachdem auch sie gefangen genommen wurde, schlug man ihr vor den Augen ihrer Eltern einen Arm ab, steckte sie in ein tönernes Fass, das auf ein Feuer gestellt wurde und in dem sie erstickte und verbrannte.

Basierend auf den Berichten derjenigen, denen die Heiligen erschienen sind, wurden ihre Ikonen von einem modernen Ikonographen gezeichnet. Das Muster legt bestimmte Merkmale fest – Raphael groß und würdevoll mit dunklem mit Grau versetztem Haar, Nicholas klein und dünn, Irene mit langem gelbem Kleid und zwei Zöpfen an beiden Seiten ihres Gesichts, etc. -, aber davon abgeleitete Darstellungen können in vielen Details abweichen.

Ein Mönch vom Berg Athos hat einen liturgischen Gottesdienst um die drei Heiligen zusammengestellt, der am Dienstag nach Ostern mancherorts begangen wird. Auch wurde byzantinische Kirchenmusik um ihre Geschichte komponiert.

Und hier und da gibt es Kapellen in Griechenland, die sich besonders dem Andenken von Raphael, Nicholas und Irene widmen – wie zum Beispiel die kleine Kapelle bei Vati auf Rhodos.

Ágios Isídoros

Die Fahrt ging weiter über eine einsame Landstraße, die durch Olivenhaine am Fuße des Attáviros-Gebirgsstocks führt.

AgiosIsidoros

Am Berghang, wenn die baumbewachsene Zone fast in die nur noch trockenen Geröllfelder des Berges übergeht, liegt das Dorf Ágios Isídoros.

AgiosIsidoros2

In einer Taverne, deren Speisekarte vor dem Eingang einen eigentümlichen Mix an englischen und deutschen Wörtern enthielt, habe ich mich für einen griechischen Kaffee kurz aufgehalten. Überraschenderweise sprach die Tavernenbesitzerin sehr gut deutsch und es stellte sich heraus, dass sie vor fast 50 Jahren für knapp zwei Jahre in einer Papierfabrik bei Düsseldorf gearbeitet hatte. Obwohl sie danach nie wieder in Deutschland war, beherrschte sie – dank der Übung durch gelegentliche Smalltalks mit deutschen Touristen – die Sprache immer noch sehr gut.

Kloster Artamíti

Von hier aus folgte ich der Straße immer unterhalb des Attáviros in Richtung Norden. Unterwegs trifft man auf das einsam gelegene kleine Kloster Artamíti.

KlosterArtamiti

Tatsächlich war keine Menschenseele zu sehen, jedoch drang aus dem Inneren der Kirche eine laute Stimme, die anderen dort anscheinend strenge Anweisungen gab. Da die Kirche dem Heiligen Johannes geweiht ist und ich davon ausging, dass es sich um den Johannes handelt, der die Apokalypse geschrieben hat, war mir ein Nähertreten unheimlich und ich fuhr schnell weiter. Schließlich will man keinem übelgelaunten Apokalyptiker in die Quere kommen.

Die Straße verläuft immer unterhalb der Geröllhänge des Attáviros, der zwar der höchste Berg auf Rhodos ist, aber mit 1215 Metern weniger hoch ist als er wirkt.

Attaviros

Auf dem Gipfel befindet sich eine militärische Radarstation und abschnittsweise soll eine Asphaltstraße hinaufführen, aber nicht komplett, so dass ein geländegängiges Fahrzeug nötig wäre. Die Besteigung zu Fuß auf permanentem schattenlosem Geröll kann ein unangenehmes Unterfangen sein, zumal kein markierter Weg hinaufführen soll.

Émbonas

Im Vergleich zu den Dörfern zuvor herrschte in Émbonas, das auf der anderen, westlichen Seite des Attáviros liegt, mit mehreren Ausflugsbussen vor Ort und einer viel höheren Dichte an Tavernen und Geschäften geradezu  Rummel.

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Wie man an den herumstehenden Fässern schon ahnen kann, hat die größere Besucherzahl einen Grund: Émbonas ist das Weindorf auf Rhodos. In seiner Umgebung wird intensiv Wein angebaut und es sind viele in Familienbesitz befindliche Weingüter und ihre kleinen Verkaufsgeschäfte im Ort zu Hause.

Émbonas gehört mit 1500 Einwohnern zu den größeren Bergdörfern auf Rhodos.

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Man baut verschiedene bekannte und auch weniger bekannte rote und weiße Trauben an. Eine Besonderheit ist dabei die weiße Athiri-Traube, die endemisch ist und nur an den Hängen des Attávira in 600 bis 700 Metern Höhe wächst. Neben dem Wein wird auch gerne ein hochprozentiger Tresterbrand namens Souma hergestellt, sozusagen der Grappa von Rhodos.

Was ich als Rummel bezeichnet habe, ist aber nur relativ zu sehen – tatsächlich war es selbst in Émbonas immer noch recht ruhig, und bei einer kleinen Weinprobe in einem der Geschäfte eines ansässigen Weingutes an der Hauptstraße war ich ganz ungestört und als Kunde allein. Da ich ja mit dem Auto unterwegs war, konnte ich leider nicht viel probieren – ich bin sicher, es wäre ein großes Vergnügen gewesen, mehr vom Angebot des Weinguts die Kehle herunterlaufen zu lassen.

Láerma

Über Apollóna ging der Weg weiter nach Láerma. Die lange Strecke zwischen den beiden Dörfern ist besonders reizvoll und bietet auf der schmalen einsamen Straße häufig Ausblicke, die weit über das grüne, geradezu urwaldartig erscheinende Inselinnere reichen.

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Die Strecke ist auch sehr blumenreich…

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… und von der Straße aus ist fast stets die bewaldete Gebirgskette des Profítis Ilías zu sehen, des nach dem Attáviros zweiten größeren Gebirgsblocks auf Rhodos, den ich in den folgenden Tagen noch zu besuchen geplant hatte.

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Nach der langen Fahrt durch unbesiedelte Landschaft war Láerma eine willkommene Gelegenheit für ein Eis und einen Capuccino in einer Taverne, in der gleich zwei Fernseher in voller Lautstärke liefen: ein in einen hoch aufgehängten Holzkasten handwerklich sehr kunstvoll integrierter Fernseher, in dem gerade ein Spiel der Fußballweltmeisterschaft lief – Portugal gegen Marokko -, und ein Fernseher hinter der offenen Tavernentür, in dem die Wirtin gebannt vor einer nachmittäglichen Folkloresendung mit wildem griechischem Tanz und schräger Schweinsbalgmusik stand.

Laerma

Überraschenderweise sprach auch hier der Gastwirt fließend Deutsch. Er hatte lange Zeit in Deutschland gelebt. Nach Ende des Fußballspiels, das weder ihn noch mich wirklich vom Hocker riss, machte ich mich auf zur nächsten Etappe.

Kloster Tharí

Das Kloster Tharí trägt den offiziellen Namen „Kloster des Erzengels Michael“. Es liegt in den Bergen und schmiegt sich an einen grün bewachsenen Hang.

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Es ist mit einem großen Parkplatz offenbar auf viele touristische Besuche vorbereitet, aber zu der Tageszeit, als ich dort auftauchte, war der Parkplatz leer und der Eingang zum Klostergelände verschlossen.

Auf dem Areal befindet sich ein alte byzantinische Basilika aus dem 9. Jahrhundert.

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Über eine kleine stille Landstraße ging der Weg über Asklipío und Kiotári durch Olivenhaine und weite Ausblicke zurück an die Ostküste.

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Unterwegs war noch einmal eine große Fläche zu sehen, auf der in letzter Zeit ein Feuer den Wald vernichtet haben musste und die sich wie die Asche eines ehemaligen Lavastroms ins Tal hinab schlängelte.

Asklipio2

An der Ostküste angekommen fuhr ich weiter nach Norden meiner nächsten und letzten Unterkunft entgegen.

 

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