Rhodos – Tag 6

Líndos

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Neben der Altstadt von Rhodos ist Líndos wahrscheinlich die zweite große Attraktion auf Rhodos, die jeder Urlauber aufsucht. Entsprechend viele Ausflugsbusse und Mietwagen, die aus allen möglichen Richtungen der Insel kommen, parken vor dem Dorf.

Die Anziehungskraft von Líndos geht zum einen davon aus, dass es sich mit seinen kubischen weißen Häusern um ein besonders schön arrangiertes Dorf handelt, zum anderen, dass es eine uralte Geschichte hat, die sich in der größten archäologischen Ausgrabungsstätte auf Rhodos widerspiegelt: der Akropolis von Líndos, die auf einem Hügel über dem Ort schon von ferne zu sehen ist.

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Líndos selbst ist autofrei und wenn man das Dorf besuchen will, muss man vor dem Ort parken oder sich mit Taxi oder Bus vor einen der Ortseingänge bringen lassen.

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Von allen Varianten wird ausgiebig Gebrauch gemacht, und so ist man froh, wenn man den Autoverkehr vor den Toren des Dorfes hinter sich gelassen hat und endlich in das Labyrinth der Gassen eintauchen kann, um sich entweder mit den Massen entlang des Hauptweges durch den Ort von Geschäft zu Geschäft und von Taverne zu Taverne treiben zu lassen und vielleicht die zentrale Panagía-Kirche zu besuchen, oder sich in den ruhigen Seitengassen zwischen den weißen Häusern zu verlieren, oder eine Zeitreise durch die Geschichte auf dem Akropolis-Berg anzutreten. Oder alles nacheinander.

Lindos13Aber das scheint nicht nach jedermanns Geschmack zu sein, wenn man den vergleichsweise geringen Betrieb auf der Akropolis und den Trubel auf der Hauptgasse gegenüberstellt. Vielleicht hat man es den Touristen mit angenehm schattigen Blätterdächern allzu gemütlich gemacht, so dass so mancher den Schritt ins offene Gelände zur Mittagszeit nicht wagen will.

Lindos14Tatsächlich ist der Weg zur Akropolis relativ harmlos, führt er doch selbst am Anfang über gemächliche Treppenstufen unter angenehm schattigen Vordächern und zwischen kleinen Geschäften bergauf, bevor er erst im mittleren Bereich in einen kurzen offenen Weg über den Steilhang des Akropolis-Hügels geht. Selbst dort gibt es ein paar Bäume, unter denen man für die Mühe mit einer schönen Aussicht über das Dorf belohnt wird.

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Kurz darauf erreicht man schon das Eingangstor durch die Burgmauer in das Innere der Akropolis, vor dem man – falls man es nicht schon vorher wusste – anhand der dort pausierenden und mit Satteln ausgestatteten Esel feststellt, dass es noch einen anderen Weg auf den Hügel geben muss.

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Aber Moment mal! Burgmauer? Mittelalter? Wollte ich nicht diesmal viel ältere Relikte aus antiker Zeit sehen? Ja, aber der Weg vom Eingang weiter hinauf gleicht einer Zeitreise immer weiter in die Vergangenheit. Wenn man bei den ältesten Überresten und mit der Frühzeit von Líndos beginnen will, muss man ganz oben starten.

Die Gegend um Líndos wurde möglicherweise schon ab 2000 v. Chr. von den aus Kreta stammenden Minoern, der ersten europäischen Hochkultur, besiedelt. Ab etwa 1400 v. Chr. wurden sie von den vom griechischen Festland stammenden Mykenern abgelöst. Die Geographie mit dem gut zu verteidigenden Stadthügel und den sich für Häfen ideal anbietenden Buchten lud schon früh zu einer Besiedelung ein.

Tatsächlich gegründet wurde Líndos als Stadt dann von den Dorern um 1100 v. Chr., die vom Nordwesten Griechenlands ausgehend weite Bereiche der Peloponnes, Kreta, die Kykladen-Inseln, Rhodos und das südliche Kleinasien kolonisierten. Líndos teilte sich mit Ialyssós im Nordwesten und Kamirós im Westen in ständigem Wettbewerb die Macht über die ganze Insel, bis die drei Städte sich etwa im Jahre 408 v. Chr. zusammenschlossen und die Stadt Rhodos an der Nordspitze der Insel gründeten.

Durch die ideale Lage an der Ostküste und den geschützten natürlichen Hafen entwickelte sich Líndos im Laufe der Zeit zu einer mächtigen Seemacht, die Kolonien in Italien, Frankreich und Kleinasien gründete, und zu einem bedeutenden Handelsplatz im ganzen Mittelmeerraum, der insbesondere auch enge Kontakte mit den Phöniziern an der nordafrikanischen Küste pflegte.

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Obwohl Líndos nach der Gründung der Stadt Rhodos seine politische und wirtschaftliche Bedeutung weitgehend verlor, behielt es seine Funktion als führendes religiöses Zentrum auf Rhodos bei.

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Wichtigstes Zeugnis dafür sind die Überreste des dorischen Tempels der Athena Lindia, der sich am höchsten Punkt der Akropolis auf einem Plateau befindet. Die älteste Version dieses Tempels wurde bereits um etwa 700 v. Chr. errichtet, aber er wurde danach mehrfach umgebaut. Was man heute sieht, ist im Wesentlichen eine Rekonstruktion; nur wenige der oberen Säulenblöcke und größere Teile der Seitenmauern entstammen dem antiken Original.

Auf das Plateau führt eine breite Treppe, die von einer großen Halle – der Stoa – umrahmt war, von der einige Säulen ebenfalls rekonstruiert wurden. Die Halle stammt aus hellenistischer Zeit und wurde damit viel später als der erste Tempel erbaut, nämlich um etwa 200 v. Chr.

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Aus noch späterer Zeit, etwa 200 n. Chr., stammen die Überreste eines römischen Tempels, der sich unterhalb des Plateaus befindet.

Mit ihrem eigenen Tempel waren die Römer am alten Athena-Tempel allerdings nicht mehr allzu interessiert und sie verschleppten viele der Kultobjekte nach Rom und später nach Byzanz und der Tempel begann langsam zu verfallen.

Die Zeitreise auf der Akropolis ist aber mit den Römern noch nicht zu Ende. Zwischen all den Gebäuden befinden sich auf dem Hügel auch die Reste einer byzantinischen Kapelle, der Johannes-Kirche, die im 13. Jahrhundert n. Chr. erbaut wurde.

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Und nochmal 100 bis 200 Jahre später wurden die Festungsanlagen und Gebäude der Kreuzritter gebaut, die für das äußere Bild der Akropolis eigentlich bestimmend sind und die antiken Bauwerke mit ihrer massiven Mauer umfassen.

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Lindos9Auf Rhodos war einfach kein burgfähiger Hügel vor dem Festungsbedürfnis der Johanniter sicher. Um es sich einfach zu machen, haben sie auch keinesfalls Mauergestein selbst herangeschafft, sondern die Steine vieler der antiken Gebäude verwendet.

Von den Burgmauern aus hat man eine fantastische Aussicht auf die Umgebung von Líndos und auf die Apostel-Paulus-Bucht, in der Paulus 51 n. Chr. gelandet sein soll, als er Rhodos besuchte. Die Bucht, die nur an einer schmalen, aber für antike Schiffe ausreichend breiten Stelle zum Meer hin geöffnet ist (im Bild in der linken unteren Ecke des Beckens vom Felsen im Vordergrund verdeckt), ist daher ein sehr geschütztes natürliches Hafenbecken, das in der Antike als Heimathafen für die Seeflotte von Líndos diente.

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In einer anderen Richtung hat man einen guten Blick auf die Panagía-Kirche, die direkt am Hauptweg durch den Ort liegt. Sie wurde im 14. Jahrhundert erbaut und dann etwa ein Jahrhundert später von den Rittern des Johanniterordens erweitert.

Die Menschenmengen, die an der Kirche vorbeiströmen – nicht um sie gezielt zu besuchen, sondern nur weil sie zufällig an der touristischen Hauptverkehrsader liegt -, machten einen Besichtigung des Kircheninneren für mich nicht sehr einladend. Vielleicht ein Fehler, denn sie soll sehr schöne und umfangreiche Fresken im nachbyzantinischen Stil enthalten, die erst im 18. Jahrhundert gemalt wurden und zu den bedeutendsten ganz Griechenlands gehören.

Blickt man von oben in den Irrgarten der Gassen des „modernen“ Líndos, so sieht man es aus der Höhe der einfachen kubischen Architektur der meisten Häuser des Dorfes nicht direkt an, dass viele Bewohner als alte Seefahrer- oder Reederfamilien durchaus sehr wohlhabend sind.

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Der Aufwand, mit dem die Häuser gebaut sind, wird vor allem im Detail deutlich, wenn man durch die Gassen streift und direkt vor ihnen steht.

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Viele Eingangsbereiche und Innenhöfe sind kunstvoll ausgestattet, Türen, Fenstergitter und Geländer sind zum Beispiel mit feinen Ornamenten, Mauern und Durchgänge mit Säulen und Bögen, und Wege und Höfe mit Kieselsteinmosaiken verziert. Das Holz der Türen sieht auch nicht nach billigen Spanplatten aus.

Wahrscheinlich nicht nur der Touristen wegen mag man es häufig, Schatten mit Blätterdächern über den Gassen zu werfen oder mit Blumen etwas Farbe in das blendende Weiß der Häuser zu bringen.

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Und in Líndos sind manchmal nicht nur die Häuser schneeweiß.

Obwohl auf der Akropolis ein kühlender Wind vorherrschte, hatte das schattenlose Plateau dort oben meinen Flüssigkeitshaushalt heimlich durcheinander gebracht und ich kehrte mit einem fürchterlichen Durst ins Dorf zurück, den ich in einer der Tavernen bei einer Halbzeit der Fußball-WM erst einmal gründlich stillen musste. Glücklicherweise gibt es in Líndos natürlich keinen Mangel an Restaurants, Bars und Tavernen.

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Inzwischen war es späterer Nachmittag geworden und ich machte mich langsam auf den Heimweg, um noch vor Einbruch der Dunkelheit ein, zwei Stunden etwas von der kühlenden Südägäis unter Meeresspiegelniveau zu haben.

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