Eiger Trail

Wanderung im Schatten des Menschenfressers

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Eine von mehreren Erklärungen, woher der Name „Eiger“ für den berühmten Schweizer Berg sich herleite, besagt, dass er mit „Oger“ verwandt sei, einem Begriff, der aus dem Französischen über das Englische in die deutsche Sprache gelangt ist und seinen Ursprung wahrscheinlich im lateinischen „Orcus“, der Unterwelt, hat. Auch der aus Tolkiens Erzählungen bekannte „Ork“ ist sprachlich damit verwandt. Der heutzutage bekannteste Oger ist wahrscheinlich Shrek, der tollkühne Held aus dem gleichnamigen computeranimierten Trickfilm.

Ein Oger oder eben Eiger ist ein schlecht erzogener, grober und plumper Unhold und in seiner noch böseren Form ein Menschenfresser, was angesichts der dramatischen alpinistischen Besteigungsgeschichte des Eigers die Fantasie besonders anregen mag. Da der Eiger außerdem Teil des berühmten Bergtrios im Berner Oberland ist, zu dem außer ihm noch Mönch und Jungfrau gehören, wurde ihm schnell die Rolle des Bösewichts in einer kleinen Geschichte zugeteilt, in der er unanständig und lüstern nach der Jungfrau gegriffen habe, aber von einem Mönch, der sich zwischen die beiden stellte, davon abgehalten wurde.

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Von links nach rechts: Eiger, Mönch und Jungfrau

Die Geschichte hinkte für mich immer, sieht doch die Jungfrau als der höchste und mächtigste der drei Berge durchaus so aus, als könne sie sich gut selbst verteidigen.

Aber es gibt auch andere, weniger blumige Herleitungen des Namens, nach denen er einfach einen hohen oder spitzen Berg bezeichnet oder auf den Namen der ersten Siedler unterhalb des Eigers verweist.

Der Eiger (3967 m) kann von allen Seiten über Grate, Flanken und Wände bestiegen werden, und kein Weg ist einfach. Auf jeder Route ist Kletterkönnen und geeignete Ausrüstung erforderlich. Ist die Besteigung des Gipfels, egal auf welcher Route, einem durchschnittlichen Bergwanderer wie mir schon verwehrt, so ist der Weg durch die legendäre und extrem schwierige Nordwand des Eigers sogar nur für die besten Bergsteiger machbar.

Im Unterschied zur Nordwand selbst ist aber der Eiger Trail, der stets unterhalb der Wand verläuft, ein sehr leichter Wanderweg. Besonders leicht wird er, wenn man mit der Wengernalpbahn von Lauterbrunnen/Wengen oder Grindelwald zur Kleinen Scheidegg und von dort mit der Jungfraubahn eine Station weiter bis zum Eigergletscher fährt.

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Beginn des Eiger Trails an der Station Eigergletscher der Jungfraubahn

Hier beginnt der Eiger Trail und es geht von dort entlang der Eiger-Nordwand in ein bis zwei Stunden fast immer leicht bergab bis zur Bahnstation Alpiglen, wo man wieder für die Rückfahrt in die Wengernalpbahn einsteigen kann, oder, wenn man eine etwas längere Wanderung daraus machen möchte, bis hinunter nach Grindelwald.

Die Bahnstation Eigergletscher (2320 m) liegt am unteren Ende des Gletschers, der zwischen Eiger und Mönch in Richtung Kleine Scheidegg hinabfließt, und das Panorama wird hier noch vom Mönch (4107 m), dem westlichen und etwas höheren Nachbarn des Eiger, beherrscht.

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Mönch und Eigergletscher

Von dort führt der Eiger Trail in östlicher Richtung vom Mönch weg und die Felsformationen des Eiger und seiner Nordwand bestimmen mehr und mehr das Bild.

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Felspfeiler westlich der Eiger-Nordwand und Eiger-Gipfel

Es dauert ein wenig, bis man die Nordwand vom Wanderweg aus tatsächlich sieht, aber schon die ersten paar hundert Meter machen deutlich, mit welch schroffem und abweisendem Felskoloss man es hier zu tun hat.

Schon ziemlich am Anfang des Weges erinnert eine Reihe von Gedenktafeln an Bergsteiger, die beim Versuch, den Eigergipfel zu erreichen, tödlich verunglückt sind. Allein in der Nordwand sind seit den ersten Durchsteigungsversuchen in den 1930er Jahren bis heute über 70 Menschen ums Leben gekommen. Schon vor der ersten erfolgreichen Durchsteigung hat die Nordwand nach zwei Versuchen mit tödlichem Ausgang den Beinamen „Mordwand“ erhalten. Der menschenfressende Eiger hat bisher seinem Namen alle Ehre gemacht.

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Gedenktafeln an am Eiger verunglückte Bergsteiger

Tatsächlich gibt es allerdings andere Berge in den Alpen, die noch mehr Todesopfer gefordert haben, z.B. der über 1200 Meter niedrigere Watzmann und seine Ostwand, die etwa die gleiche Höhe wie die Eiger-Nordwand hat. Man sagt, das läge daran, dass der Watzmann einfach unterschätzt und die Durchsteigung seiner eigentlich viel einfacheren Ostwand von schlecht vorbereiteten Bergsteigern versucht wird, während am Eiger von Anfang an der große Respekt vor der Nordwand, welcher die weniger begnadeten Bergsteiger schon vom Versuch einer Durchsteigung abhält, Schlimmeres verhindert hat.

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Felstürme in Richtung Eiger-Westgrat zum Gipfel

Der Eiger Trail führt weiter über Stein und Geröll entlang an den imposanten Felswänden westlich der Nordwand und geht dann bald über Gelände mit niedrigen Grasbüscheln, das sanft in Richtung Tal abfällt.

Auf dem Eiger Trail sind, da er so bequem zu erreichen und zu begehen ist, viele Wanderer aus aller Herren Länder unterwegs, aber es ist nicht überfüllt – zumindest nicht, als ich dort war, was aber auch am mäßigen Wetter gelegen haben mag.

Noch vor Erreichen des Abschnitts, der direkt unterhalb der Nordwand verläuft, hat man in westliche Richtung, aus der man gekommen ist, eine schöne Aussicht auf Jungfrau (4158 m), Silberhorn (3695 m) und in der Ferne das mit 1650 m recht hoch gelegene Mürren und die Almen oberhalb des Lauterbrunnentals.

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Jungfrau und Silberhorn, rechts unten Mürren auf einer Terrasse über dem Lauterbrunnental

Das Silberhorn mit seiner charakteristischen weißen Schneekappe kann man noch besser vom Anfang des Eiger Trails und von der Kleinen Scheidegg aus sehen.

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Silberhorn

Der Weg steigt wieder leicht an und nähert sich einem Grat, über den in Richtung Osten der massige Bau des Wetterhorns (3692 m) hervorlugt, das vor allem in Grindelwald die Gebirgsszenerie beherrscht.

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Wetterhorn
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Eiger-Nordwand vom Eiger Trail aus gesehen

Auf dem Grat erreicht man schließlich einen kleinen Aussichtspunkt, der einen Einblick in die Eiger-Nordwand erlaubt. Ein Schild erläutert die klassische Route durch die Wand, die etwa von hier ihren Anfang genommen hat. Man kann den Weg zum Gipfel, der sich in mehrere Teilabschnitte mit fantasievollen Namen – wie „Schwieriger Riss“, „Götterquergang“ oder „Weiße Spinne“ – gliedert, tatsächlich ganz gut mit dem Auge verfolgen.

Aus der Nähe und aus dem spitzen Winkel ist es schwierig, die Wand ganz zu erfassen. Aus etwas größerem Abstand, wie z.B. von der Kleinen Scheidegg aus, hat man einen besseren Gesamtüberblick. Auf dem Grat unten rechts mit dem Grasbewuchs befindet sich der Aussichtspunkt, den der Eiger Trail überquert.

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Eiger-Nordwand von der Kleinen Scheidegg aus gesehen

Die Eiger-Nordwand ist mit etwa 1800 Metern Höhe eine der höchsten Felswände der Alpen. Ausschlaggebender als die Höhe für ihre große bergsteigerische Schwierigkeit ist aber ihre Orientierung in Richtung Norden und die leicht kesselartige Form, die dazu führen, dass sie stets im Schatten liegt, große Teile vereist sind und die Gefahr eines plötzlichen Wetterwechsels in der Wand besteht.

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Blick zum Eiger-Gipfel durch die Nordwand

Selbst bei gutem Wetter in der Umgebung können sich im Kessel der Wand heftige Stürme entwickeln und die Temperatur kann bis zu -40 Grad Celsius stürzen. Hinzu kommt die Gefahr von Steinschlag und Lawinen.

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Wolken am östlichen Rand der Eiger-Nordwand

Es wird gesagt, der Blick von unten in die Wand sei nichts im Vergleich zum Blick von oben. Dort bekäme man erst eine richtige Vorstellung von ihrer Schroffheit und ihren Dimensionen. Ich muss es glauben; ein Beweisfoto dafür kann ich nicht liefern.

Erstmals bestiegen wurde der Gipfel des Eiger schon 1858, allerdings nicht durch die Nordwand, sondern über die leichtere Westflanke. Es folgten Besteigungen auf verschiedenen anderen Wegen, bis nur noch die Nordwand als einzige unerschlossene Route übrig blieb. Lange galt dieser Weg als absolut unbegehbar, bis sich dennoch die ersten Bergsteiger hineinwagten. Die ersten Versuche endeten in Katastrophen, so dass die Schweizer Regierung sogar zeitweilig ein Besteigungsverbot erließ. Erst 1938 gelang die Durchsteigung der Eiger-Nordwand als letzte der großen Alpenwände.

Welche Leistung das ist, kann man vielleicht am ehesten erahnen, wenn man sich vor Augen führt, dass es leichter war, den Eisenbahntunnel der Jungfraubahn über sieben Kilometer mitten durch den Fels des Eigers zu bauen. Diese Bahn, bei deren Bau sogar ein Aussichtsfenster in die Wand geschlagen wurde, ist schon seit 1912 in Betrieb, also 26 Jahre vor der Erstdurchsteigung der Eiger-Nordwand!

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Routen durch die Eiger-Nordwand

Die Route der Pioniere ist heute als Heckmair-Route bekannt. Obwohl die Wand nur 1800 Meter hoch ist, hat die Route durch die vielen Quergänge eine Länge von vier Kilometern. Heckmair und sein Bergsteiger-Team benötigten drei volle Tage für den Weg.

Seitdem hat man bis heute über 30 verschiedene Routen durch die Wand erfolgreich gemeistert und die Geschwindigkeit der Durchsteigung wurde auf ein Maß gesteigert, das kaum vorstellbar ist. So liegt der heutige Rekord auf der Heckmair-Route bei nur noch 2 Stunden und 22 Minuten statt drei ganzen Tagen!

Auf dem ganzen Eiger Trail ist der Blick in die imposante Wand so beeindruckend, dass man fast vergessen könnte, auch einmal in die andere Richtung zu schauen. Dabei bietet der ganze Weg unterhalb der Wand ständig fantastische Aussicht auch in Richtung Tal auf Grindelwald und die Berge nördlich des Eiger.

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Grindelwald mit Wetterhorn

Irgendwann hinter dem östlichen Ende der Eiger-Nordwand wendet sich der Eiger Trail dann Richtung Tal und führt in einigen steilen Kehren bergab zur Station Alpiglen der Wengernalpbahn.

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Ende des Eiger Trails an der Station Alpiglen der Wengernalpbahn

Von dort kann man talwärts nach Grindelwald oder wieder bergauf zur Kleinen Scheidegg fahren, von wo man den besten Blick auf den Verlauf des Eiger Trails im Schatten des Menschenfressers hat.

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Grindelwald mit Wetterhorn, Mättenberg und Eiger

(Fotos vom September 2017)

 

4 Kommentare zu „Eiger Trail“

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