Chamonix und das Bergsteigen

27 ungewöhnliche Plakate

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Als ich eines Abends durch Chamonix bummelte, gelangte ich zufällig in eine Seitenstraße, in der um Baumstämme herum mehrere jeweils dreiteilige Plakatwände aufgestellt waren. Aus der Entfernung war zunächst nicht zu erkennen, was die Plakate darstellten.

Uninteressant, dachte ich erst, Werbung einer Bank oder Immobilienagentur oder etwas in der Art. Als ich näher kam, war aber auf fast jedem Plakat eine Person dargestellt und ich wurde neugierig. Es stellt sich heraus, dass es sich bei den Personen um Bergsteiger handelte. Zu jedem gab es ein Zitat, einen kurzen Text und den Verweis auf ein Buch über den oder vom entsprechenden Bergsteiger. Tatsächlich waren die Plakate Werbungen eines in Chamonix ansässigen Verlages, der sich auf Bücher über Bergsteiger und Abenteuer spezialisiert hat.

Ich machte ein, zwei Fotos, konnte dann aber nicht aufhören, mir wirklich jedes einzelne der 27 Plakate anzusehen und endete mit 27 Fotos. Mein Französisch ist nicht ausreichend, um mehr als ein paar minimale Brocken der Texte aufzuschnappen. Dennoch war ich fasziniert genug, um im Nachgang wie blöde und stundenlang zu googeln, um wen es sich bei den Personen, deren Namen ich größtenteils nie gehört hatte, genauer handelt und welche außerordentlichen Besteigungen sie durchgeführt hatten.

Die Fotos sind alle ziemlich schlecht, dafür aber vollständig – (macht die Vollständigkeit von etwas Schlechtem es besser?) – und bevor ich sie wegwerfe, bringe ich sie hier einfach mit einer Auflistung und kurzen Beschreibung der dargestellten Bergsteiger unter.

Viele von ihnen sind mit Chamonix und der Mont-Blanc-Region auf die eine oder andere Weise eng verbunden, und ich habe die Plakate als ein Dokument empfunden, wie sehr man in Chamonix seine Bergsteiger wie kaum in einem anderen Ort als Helden verehrt – als Helden, die oft den Helden- oder den einsamen Tod bei dieser vielleicht lebensgefährlichsten Abenteuerleidenschaft und Sportart der Welt gestorben sind.

Das sind die Namen der 27 Plakate:

  • Jacques Balmat (1762-1834): Erstbesteiger des Mont Blanc
  • Henriette d’Angeville (1794-1871): Erste große Alpinistin, bestieg als zweite Frau den Mont Blanc
  • Michel Auguste Croz (1830-1865): Erstbesteiger vieler Gipfel der Mont-Blanc-Region, starb während der Erstbesteigung des Matterhorns

M01-03

  • John Ruskin (1819-1900): Weniger Bergsteiger als Kunst- und Naturhistoriker, der viel über die Berge schrieb. Kritisierte das Bergsteigen als eine „Herabwürdigung erhabener Natur zu geölten Klettermasten“.
  • Isabella Charlet-Straton (1838-1918): Mehrere Erstbesteigungen in den Alpen und erste Winterbesteigung des Mont Blanc
  • Albert Frederick Mummery (1855-1895): Einer der ersten Solokletterer der Alpen, dem zu seiner Zeit als unbegehbar geltende Routen gelangen. Führte auch Erstbesteigungen im Kaukasus durch und verscholl beim ersten Versuch, den Nanga Parbat im Himalaya zu besteigen.

M04-06

  • Tita Piaz (1879-1948): Dem Felskletterer und „Teufel der Dolomiten“ gelangen über 50 Erstbegehungen in den Dolomiten
  • Paul Preuss (1886-1913): Einer der Väter des Freikletterns, des Kletterns im Fels ohne technische Hilfsmittel. Über 150 Erstbesteigungen werden ihm zugerechnet, die er teilweise ohne jegliche Seilsicherung durchführte.
  • Armand Charlet (1900-1975): Viele Erstbegehungen schwieriger Routen in der Mont-Blanc-Region. Unternahm den ersten Versuch, die schwere Nordwand der Grandes Jorasses zu durchsteigen.

M07-09

  • Roger Frison-Roche (1906-1999): Hauptsächlich Schriftsteller, der über den Alpinismus im Tal von Chamonix schrieb. Machte sich aber auch durch ein paar schwierige Routen im Mont-Blanc-Massiv einen Namen.
  • Louis Lachenal (1921-1955): Teilnehmer der ersten Expedition auf den Annapurna im Himalaya und einer der beiden ersten Menschen, die auf dem Gipfel eines Achttausenders standen. Bei der Expedition zog er sich schwere Erfrierungen zu, durch die alle Zehen amputiert werden mussten.
  • Lionel Terray (1921-1965): Ihm gelangen viele zur damaligen Zeit als extrem schwer geltende Routen in den Alpen, aber auch Erstbesteigungen in den Anden und des Makalu im Himalaya.

M10-12

  • Georges Livanos (1923-2004): „Der Grieche“ führte viele Besteigungen in den Kalksteingebirgen Südfrankreichs sowie in den Dolomiten und im Mont-Blanc-Massiv durch.
  • Robert Paragot (*1927): Erstbesteigungen schwieriger Routen in den Anden, im Himalaya, im Karakorum und in den Alpen
  • Walter Bonatti (1930-2011): Eine der größten Bergsteigerlegenden, der viele der noch heute schwierigsten Routen in den Alpen eröffnete, viele Wände im Winter und im Alleingang durchkletterte und Teilnehmer der Expedition zur Erstbesteigung des äußerst schweren K2 im Karakorum war.

M13-15

  • Nochmal Walter Bonatti: Nach ihm ist der sehr schwer zu durchkletternde Bonatti-Pfeiler der Aiguille du Dru benannt, der heute durch Bergstürze als nicht mehr begehbar gilt.
  • René Desmaison (1930-2007): Führte viele extreme Winter- und Alleinbegehungen in den Alpen durch und ihm gelangen auch Erstbesteigungen im Himalaya und in den Anden.
  • Reinhold Messner (*1944): Bestieg als Erster den Mount Everest ohne Flaschensauerstoff und im Alleingang sowie als Erster alle 14 Achttausender der Welt. Brachte den alpinen Stil des Bergsteigens – schnell, mit geringem Materialaufwand und in kleinen Teams – in das Bergsteigen im Himalaya.

M16-18

  • Pierre Béghin (1951-1992): Mehrere Durchsteigungen schwerer Routen in den Alpen und im Himalaya. Kam bei der Durchsteigung der äußerst schweren Annapurna-Südwand im Himalaya ums Leben.
  • Patrick Berhault (1957-2004): Bergsteiger und Sportkletterer, der unter anderem die ganze Alpenkette von Ost nach West über 22 schwierige Gipfel in einem Zug durchquert hat.
  • Erhard Loretan (1959-2011): Zweiter Bergsteiger nach Reinhold Messner, der alle 14 Achttausender ohne Zusatzsauerstoff bestiegen hat.

M19-21

  • Patrick Edlinger (1960-2012): Ein Pionier des Freikletterns, der die zu seiner Zeit schwersten Routen solo und ohne Sicherung durchklettert hat.
  • Chantal Mauduit (1964-1998): Durchstieg schwere Routen in den Alpen, den Anden und im Himalaya, dort alle ohne zusätzlichen Sauerstoff.
  • Stéphanie Bodet (*1976): Sportklettererin, die Weltmeisterschaften und andere Wettbewerbe im Bouldern und Schwierigkeitsklettern gewonnen hat.

M22-24

  • Ueli Steck (1976-2017): Extrembergsteiger, der einige der schwierigsten Wände in den Alpen solo ohne Sicherung und in extrem hohem Tempo durchstiegen hat und dort Geschwindigkeitsrekorde hält. Erste Solobegehung der äußerst schweren Annapurna-Südwand im Himalaya. Verunglückte bei einer Trainingstour im Himalaya.
  • Hervé Barmasse (*1977): Extrembergsteiger, der sich vor allem durch viele außergewöhnliche Routen am Matterhorn bekannt gemacht hat, unter anderem die Besteigung des Gipfels über alle vier Grate im Winter in einem Zug.
  • Alex Honnold (*1985): Extremkletterer, der einige der schwersten Kletterrouten der Welt vor allem im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien mit außerordentlichem Tempo durchstiegen hat.

M25-27