Schilthorn und Rundreise um das Lauterbrunnental

Wengen – Lauterbrunnen – Grütschalp – Mürren – Birg – Schilthorn – Gimmelwald – Stechelberg – Trümmelbachfälle

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Das Schilthorn ist ein 2970 Meter hoher Berg nordwestlich von Eiger, Mönch und Jungfrau im Berner Oberland, der ein enormes Panorama über die ganzen Berner Alpen und in nördlicher Richtung bis zum Jura und in den Schwarzwald bietet. Auf dem Gipfel steht ein Restaurant, das Piz Gloria, das sich langsam dreht und somit in einer knappen Stunde einen Rundblick von 360 Grad erlaubt.

Von Wengen aus ist der Berg per Luftlinie nicht allzu weit entfernt, aber wie es in den Bergen so ist, heißt das nichts, denn dazwischen liegt das tief eingeschnittene Lauterbrunnental.

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Lauterbrunnental von der Wengernalpbahn aus gesehen

Um die andere Seite zu erreichen, geht der Weg erst einmal von Wengen per Zahnradbahn in die falsche Richtung, nämlich ganz nach unten zum Talausgang nach Lauterbrunnen.

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Wengernalpbahn am Ortsausgang von Wengen
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Lauterbrunnen und Lauterbrunnental

Ich weiß nicht, ob das Lauterbrunnental seinen Namen deshalb hat, weil in ihm lauter Brunnen zu finden sind oder weil die Brunnen laut sind. Jedenfalls gibt es im Tal viele Wasserfälle und die sind – zumindest wenn man sich in ihrer Nähe befindet – auch laut.

In Lauterbrunnen verlässt man die Bahn aus Wengen und wechselt in eine Seilbahn, die auf die Grütschalp auf der anderen Bergseite des Tals führt.

Dort angekommen steigt man in die nächste Zahnradbahn, die von der Grütschalp immer am Hang oberhalb des Lauterbrunnentals entlang nach Mürren führt.

Unterwegs bietet sich ein guter Blick auf Wengen auf der anderen Seite, von der man gerade gekommen ist.

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Wengen von der Grütschalp aus gesehen

In Mürren durchquert man vom Bahnhof aus den Ort zur Talstation der Schilthornbahn, deren erstes Ziel, die Zwischenstation Birg, schon auf dem Weg durch das Dorf zu sehen ist.

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Zwischenstation Birg der Schilthornbahn. Im Vordergrund die Allmendhubelbahn.

Mürren ist mit 1650 Meter eines der höchstgelegenen Dörfer im Berner Oberland, das auf einer natürlichen Sonnenterrasse hoch über dem Lauterbrunnental liegt.

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Mürren aus der Schilthornbahn heraus gesehen

Hier beginnt die Schilthornbahn, eine Luftseilbahn, die in zwei Etappen auf den Gipfel des Schilthorns führt. Der erste Abschnitt geht bis zur Zwischenstation Birg, wo man in eine zweite Seilbahn für die restliche Strecke umsteigt.

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Bergstation Piz Gloria der Schilthornbahn von der Zwischenstation Birg aus gesehen

Schon an der Zwischenstation hat man eine großartige Aussicht in alle Richtungen.

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Gspaltenhorn von der Zwischenstation Birg aus gesehen

Eiger, Mönch und Jungfrau sind hier aus einer etwas anderen Perspektive als dem bekannteren Blickwinkel von Interlaken aus zu sehen. Eine wolkenfreiere Sicht hätte allerdings geholfen, in den vollen Genuss der drei Berge zu kommen.

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Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau von der Zwischenstation Birg aus
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Eiger mit dem Kessel der Eiger-Nordwand

Vom Schilthorn aus ist die Sicht – theoretisch, bei gutem Wetter – noch besser. Besonders gut ist von hier aus das kesselförmige Halbrund der Eiger-Nordwand zu erkennen.

Neben dem imposanten Panorama wird das Schilthorn außerdem ziemlich aufdringlich und allgegenwärtig durch einen James-Bond-Film auf der Piz Gloria-Bergstation vermarktet, der 1969 hier gedreht wurde.

Die lockeren Wolken zogen sich immer mehr zu einer dichten Nebelwand zusammen, so dass ich bald wieder talwärts fuhr.

Von Mürren aus führen wiederum zwei Seilbahnen noch weiter hinunter, der erste Abschnitt bis nach Gimmelwald und der zweite von Gimmelwald nach Stechelberg im hinteren Lauterbrunnental. Ich hatte mich aber entschieden, den ersten Teil zu Fuß zu gehen und erst die Seilbahn ab Gimmelwald zu nehmen.

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Auf dem Weg von Mürren nach Gimmelwald

Gimmelwald ist ein altes Dorf, in dem die meisten Häuser als Holzchalets gebaut sind. Es ist eine Walsersiedlung, d.h. es wurde von aus dem Wallis ausgewanderten Familien gegründet, die auch ihre eigene Sprache mitgebracht haben, das Walserdeutsch, ein höchstalemannischer Dialekt, der selbst für Schweizer, geschweige denn für Sprecher des Hochdeutschen, schwer zu verstehen sein kann.

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Gimmelwald

Das Dorf ist ein Zeilendorf, in dem alle Häuser links und rechts entlang einer einzigen Straßenzeile angeordnet sind.

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Gimmelwald

In der Nähe des Dorfzentrums – wenn man es so nennen kann – ist die Station der Seilbahn, die hinunter nach Stechelberg führt.

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Gimmelwald

Auf dem Weg von der Talstation Stechelberg zurück nach Lauterbrunnen, den man am einfachsten mit dem Bus nehmen kann, kommt man noch an einer spektakulären Attraktion vorbei, den Trümmelbachfällen.

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Einer der zehn Trümmelbachfälle

Der Trümmelbach entwässert das Eiswasser von den nördlichen Wänden von Eiger, Mönch und Jungfrau, fließt entlang der Nordseite der Jungfrau und ergießt sich dann durch ein Labyrinth von Felsspalten talwärts bis ins Lauterbrunnental.

Die Trümmelbachfälle bestehen aus nicht weniger als zehn Wasserkaskaden, die sich fast alle im Inneren dieses Felslabyrinths befinden. Der ganze Komplex ist mit Treppen und Wegen durch den Berg und sogar durch einen Aufzug zugänglich gemacht, so dass man diese Fälle aus allen möglichen Perspektiven sehen kann.

Beleuchtungen in verschiedenen Farben sorgen dafür, dass die Wasserfälle in ein abwechslungsreiches Licht getaucht sind und dass man in der teilweisen Dunkelheit der Treppenstiegen seinen Weg findet. Einige der Fälle stürzen so nah durch Felsspalten neben dem Weg herunter, dass man fast hineingreifen kann.

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Eine weiterer der Trümmelbachfälle im Inneren eines Felslabyrinths

Man sieht den Felsen mit ihren vielen rundgeschliffenen Wasserläufen und Aushöhlungen unmittelbar an, dass das Wasser hier seit Jahrmillionen seine formgebende Arbeit verrichtet haben muss, wie z.B. beim „Korkendreherwasserfall“, der sich spiralförmig an den Felswänden entlang in die Tiefe stürzt.

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„Korkendreherwasserfall“, einer der Trümmelbachfälle

Das Lauterbrunnental macht hier seinem Namen alle Ehre, denn der Komplex der Wasserfälle und der Hall im Inneren des Berges, durch den sie hinabstürzen, sorgen für eine dröhnende Schallkulisse.

Von den Trümmelbachfällen führt der Weg durch das Lauterbrunnental zurück nach Lauterbrunnen und von dort mit der Wengernalpbahn hinauf nach Wengen, wo die Rundreise um das Tal ihren Anfang nahm.

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Blick von den Trümmelbachfällen durch das Lauterbrunnental nach Lauterbrunnen

(Fotos vom September 2017)

 

Thuner See und Harder Kulm

Nebelküche und Alpenglühen

Eigentlich wollte ich an einem der Tage im Berner Oberland mit der uralten Zahnradbahn auf die Schynige Platte fahren, einem Berg, von dem aus man großartige Sicht auf die Viertausender des Berner Oberlands hat. Von dort gibt es Wanderwege über einen Bergrücken und hinauf auf das Faulhorn, auf dem die Aussicht noch besser sein sollte.

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Zahnradbahn von Wilderswil zur Schynige Platte

Das Wetter sah ganz und gar nicht gut aus, aber da ich auf Besserung hoffte, stieg ich doch in die Bahn ein, die sich unglaublich langsam und ungefedert den Berg hinauf rumpelt. Während der Fahrt war von Besserung des Wetters nichts zu sehen, im Gegenteil: Oben angekommen, stand ich in stürmischem Regen und einer dichten und völlig undurchdringlichen Nebelsuppe. Die Sicht in diese homogene Brühe war so sinnlos, dass ich gleich die nächste Bahn wieder bergab nahm.

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Bergstation Schynige Platte

Während der Fahrt studierte ich noch einmal das Prospekt des Mehrtagestickets für die Bahnen im Berner Oberland genauer und stellte erfreut fest, dass Schiffsfahrten auf dem Thuner und Brienzer See im Pauschalpreis eingeschlossen waren. Also auf mit der Bahn in ein paar Minuten nach Interlaken, das zwischen diesen beiden Seen liegt, und dort noch mal mit einem Schnellzug vom Bahnhof Ost zum Bahnhof West, der am Thuner Sees liegt. Immer noch im Regen stieg ich dort in eines der Schiffe ein, die auf dem See zwischen Thun und Interlaken mit mehreren Zwischenstationen pendeln.

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Anlegestelle Interlaken am Ostende des Thuner See

Man hat sich in dem Schiff bemüht, durch den Einsatz vieler edel wirkender Hölzer im Innenausbau und einer blitzblank geputzten Maschine, die man von einer Empore oberhalb des Maschinenraums in Aktion sehen konnte, ein wenig mondäne Titanic-Atmosphäre zu verbreiten, ein Eindruck, der allerdings durch Fettflecken und Speisereste auf den Tischen und einen äußerst misslungenen Kaffee mit Schuss aus der Bordküche schwer beeinträchtigt wurde.

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Auf einem Fährschiff auf dem Thuner See

Das Ziel meiner Fahrt waren die St. Beatus-Höhlen, die auf einem kurzen Fußweg von einer der ersten Anlegestellen aus zu erreichen sind und ein Stück über dem Nordufer des Thuner Sees liegen. Höhlen sind bei Regen ein ideales Ausflugsziel.

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Thuner See in Richtung Westen vom Fußweg zu den St. Beatus-Höhlen aus gesehen

In den St. Beatus-Höhlen kann man etwa einen Kilometer tief in den Berg hineingehen und sieht links und rechts des Weges viele Stalagmiten, Stalaktiten, Kalkablagerungen in vielen Formen, kleine Wasserfälle und Teiche, die sich gebildet haben, und Moose und andere Pflanzen, die sich dort anscheinend trotz der Dunkelheit wohlfühlen.

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St. Beatus-Höhlen

Der Weg und viele der niedrigen Höhlenschächte sind allerdings tagsüber, wenn die Höhle für Besucher geöffnet hat, effektvoll beleuchtet.

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St. Beatus-Höhlen
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St. Beatus-Höhlen

Am Eingang wird man darauf hingewiesen, dass man hier eine Handy-App herunterladen kann, die durch die Höhle führt und sich an verschiedenen Highlights der Höhle mit Erläuterungen meldet.

Bei mir hat diese App nicht funktioniert und ich habe daher auf die konventionellen Beschilderungen zurückgegriffen, die an diversen Stellen aufgestellt sind.

Es gibt in der Höhle keine Rundtour, so dass man den gleichen Weg, den man gekommen ist, auch wieder zurückgehen muss. Da es schon spät und kurz vor Schließung der Höhle war, habe ich den Weg bei laufender Kamera vor der Brust im Eiltempo genommen. Den Plan, das Werk als „St. Beatus-Höhlen-Speed Run“ auf YouTube zu veröffentlichen, habe ich aufgrund der unbefriedigenden Qualität erst mal fallen gelassen.

Als ich den Ausgang erreichte, war ich völlig verblüfft: Das Wetter hatte sich plötzlich in strahlenden Sonnenschein und blauen Himmel gewandelt, obwohl ich vielleicht gerade einmal eine Stunde in der Höhle gewesen war.

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Thuner See, Schynige Platte in der Mitte und der schneebedeckte Eiger rechts im Hintergrund

Die Schynige Platte, die ein paar Stunden vorher noch in Regen und dicke Wolken gehüllt war, hatte jetzt ungestörte klare Sicht, aber um die Fahrt hinauf noch einmal zu wiederholen, war es inzwischen zu spät. Während der Bootsfahrt zurück nach Interlaken fand ich allerdings heraus, dass die Standseilbahn auf den Harder Kulm, dem Hausberg von Interlaken, bis in die späteren Abendstunden verkehrt.

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Kanal vom Ostende des Thuner Sees nach Interlaken-West mit dem Harder Kulm als Berg im Vordergrund

Also machte ich mich vom Fähranleger per kurzer Zugfahrt wieder auf zum Bahnhof Interlaken-Ost, in dessen Nähe sich die Talstation der Seilbahn auf den Berg befindet.

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Anlegestelle Interlaken am Ostende des Thuner See

Vom Bahnhof führt ein kurzer Weg über die Aare zur Talstation der Harderbahn, einer Standseilbahn, d.h. einer Kabinenbahn, die sich auf Schienen bewegt und von einem Seil gezogen wird.

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Blick über die Aare in Interlaken mit Eisenbahnbrücke zum Bahnhof Interlaken-Ost
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Aussichtspunkt auf dem Harder Kulm

Der Harder Kulm am nördlichen Stadtrand von Interlaken ist mit 1322 Metern nicht allzu hoch, aber trotzdem ein fantastischer Aussichtsberg auf das Panorama von Interlaken und seiner beiden östlichen und westlichen Seen, dem Brienzer und dem Thuner See, sowie der Hochgebirgswelt des Berner Oberlands.

Von der Bergstation der Harderbahn geht man noch ein kurzes Stück gemächlich bergan, bis man auf ein Restaurant mit Terrasse und eine Aussichtsplattform trifft, die ein paar Meter über den Abhang in Richtung Interlaken gebaut ist und eine besonders exponierte – und nicht zuletzt auch recht windige – Lage hat, von der aus man freie Sicht nach Süden über die Stadt und ins Hochgebirge und nach Osten und Westen über die beiden Seen hat.

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Pseudo-Panoramafoto mit Brienzer See links, Interlaken in der Mitte mit dem Talzugang zu den Hochdörfern des Berner Oberlands – Grindelwald, Lauterbrunnen, Wengen, Mürren und Gimmelwald – und Thuner See rechts

Teile von Interlaken, der Seen und der Täler lagen zwar am schon im Schatten, aber die hohe Bergkette von Eiger, Mönch und Jungfrau empfing noch volles Sonnenlicht.

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Eiger, Mönch und Jungfrau. Ganz links die Spitze des Schreckhorns über dem Bergrücken der Schynige Platte im Vordergrund.

Zwar bietet der Blick in Richtung Süden ins Berner Oberland die schönste Aussicht, aber auch die niedrigeren grünen Berge und Hügel in den nördlich gelegenen Emmentaler Alpen, zu denen auch der Harder Kulm selbst gehört, sind sehenswert.

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Emmentaler Alper vom Harder Kulm aus gesehen

Langsam neigte sich die Sonne immer mehr dem Horizont zu und die verbliebenen einzelnen Wolken über dem Thuner See zeigten eine prächtiges Farbspiel.

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Thuner See

Beim Blick nach Süden ins Berger Oberland wurde mir dann auch klar, warum gerade die Harderbahn und der Aussichtspunkt auf dem Harder Kulm im Sommer so lange geöffnet hat, denn bei Sonnenuntergang beginnt an den Fels- und Eiswänden von Eiger, Mönch und Jungfrau eine große Theatervorstellung: Alpenglühen!

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Eiger mit Eiger-Nordwand

Hier fällt nebenbei auch auf, dass die Eiger-Nordwand nicht in streng nördliche Richtung, sondern eher in Nordwest-Richtung zeigt und daher am Abend etwas Sonne mitbekommt, die freilich nicht mehr warm und intensiv genug ist, um die gefährlichen Eisfelder in der Wand abzutauen.

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Mönch
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Jungfrau

Ganz in der Ferne war auch die Spitze des Schreckhorns als weiterem vom Harder Kulm aus sichtbaren Viertausender in rötliches Licht getaucht.

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Schreckhorn

Nach Sonnenuntergang nahm ich die letzte Fahrt der Harderbahn ins Tal und machte mich wieder über die Brücke auf zum Bahnhof Interlaken-Ost.

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Blick über die Aare in Interlaken

Inzwischen waren im Westen wieder lockere Wolken aufgezogen.

(Fotos vom September 2017)

 

Eiger Trail

Wanderung im Schatten des Menschenfressers

Eine von mehreren Erklärungen, woher der Name „Eiger“ für den berühmten Schweizer Berg sich herleite, besagt, dass er mit „Oger“ verwandt sei, einem Begriff, der aus dem Französischen über das Englische in die deutsche Sprache gelangt ist und seinen Ursprung wahrscheinlich im lateinischen „Orcus“, der Unterwelt, hat. Auch der aus Tolkiens Erzählungen bekannte „Ork“ ist sprachlich damit verwandt. Der heutzutage bekannteste Oger ist wahrscheinlich Shrek, der tollkühne Held aus dem gleichnamigen computeranimierten Trickfilm.

Ein Oger oder eben Eiger ist ein schlecht erzogener, grober und plumper Unhold und in seiner noch böseren Form ein Menschenfresser, was angesichts der dramatischen alpinistischen Besteigungsgeschichte des Eigers die Fantasie besonders anregen mag. Da der Eiger außerdem Teil des berühmten Bergtrios im Berner Oberland ist, zu dem außer ihm noch Mönch und Jungfrau gehören, wurde ihm schnell die Rolle des Bösewichts in einer kleinen Geschichte zugeteilt, in der er unanständig und lüstern nach der Jungfrau gegriffen habe, aber von einem Mönch, der sich zwischen die beiden stellte, davon abgehalten wurde.

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Von links nach rechts: Eiger, Mönch und Jungfrau

Die Geschichte hinkte für mich immer, sieht doch die Jungfrau als der höchste und mächtigste der drei Berge durchaus so aus, als könne sie sich gut selbst verteidigen.

Aber es gibt auch andere, weniger blumige Herleitungen des Namens, nach denen er einfach einen hohen oder spitzen Berg bezeichnet oder auf den Namen der ersten Siedler unterhalb des Eigers verweist.

Der Eiger (3967 m) kann von allen Seiten über Grate, Flanken und Wände bestiegen werden, und kein Weg ist einfach. Auf jeder Route ist Kletterkönnen und geeignete Ausrüstung erforderlich. Ist die Besteigung des Gipfels, egal auf welcher Route, einem durchschnittlichen Bergwanderer wie mir schon verwehrt, so ist der Weg durch die legendäre und extrem schwierige Nordwand des Eigers sogar nur für die besten Bergsteiger machbar.

Im Unterschied zur Nordwand selbst ist aber der Eiger Trail, der stets unterhalb der Wand verläuft, ein sehr leichter Wanderweg. Besonders leicht wird er, wenn man mit der Wengernalpbahn von Lauterbrunnen/Wengen oder Grindelwald zur Kleinen Scheidegg und von dort mit der Jungfraubahn eine Station weiter bis zum Eigergletscher fährt.

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Beginn des Eiger Trails an der Station Eigergletscher der Jungfraubahn

Hier beginnt der Eiger Trail und es geht von dort entlang der Eiger-Nordwand in ein bis zwei Stunden fast immer leicht bergab bis zur Bahnstation Alpiglen, wo man wieder für die Rückfahrt in die Wengernalpbahn einsteigen kann, oder, wenn man eine etwas längere Wanderung daraus machen möchte, bis hinunter nach Grindelwald.

Die Bahnstation Eigergletscher (2320 m) liegt am unteren Ende des Gletschers, der zwischen Eiger und Mönch in Richtung Kleine Scheidegg hinabfließt, und das Panorama wird hier noch vom Mönch (4107 m), dem westlichen und etwas höheren Nachbarn des Eiger, beherrscht.

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Mönch und Eigergletscher

Von dort führt der Eiger Trail in östlicher Richtung vom Mönch weg und die Felsformationen des Eiger und seiner Nordwand bestimmen mehr und mehr das Bild.

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Felspfeiler westlich der Eiger-Nordwand und Eiger-Gipfel

Es dauert ein wenig, bis man die Nordwand vom Wanderweg aus tatsächlich sieht, aber schon die ersten paar hundert Meter machen deutlich, mit welch schroffem und abweisendem Felskoloss man es hier zu tun hat.

Schon ziemlich am Anfang des Weges erinnert eine Reihe von Gedenktafeln an Bergsteiger, die beim Versuch, den Eigergipfel zu erreichen, tödlich verunglückt sind. Allein in der Nordwand sind seit den ersten Durchsteigungsversuchen in den 1930er Jahren bis heute über 70 Menschen ums Leben gekommen. Schon vor der ersten erfolgreichen Durchsteigung hat die Nordwand nach zwei Versuchen mit tödlichem Ausgang den Beinamen „Mordwand“ erhalten. Der menschenfressende Eiger hat bisher seinem Namen alle Ehre gemacht.

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Gedenktafeln an am Eiger verunglückte Bergsteiger

Tatsächlich gibt es allerdings andere Berge in den Alpen, die noch mehr Todesopfer gefordert haben, z.B. der über 1200 Meter niedrigere Watzmann und seine Ostwand, die etwa die gleiche Höhe wie die Eiger-Nordwand hat. Man sagt, das läge daran, dass der Watzmann einfach unterschätzt und die Durchsteigung seiner eigentlich viel einfacheren Ostwand von schlecht vorbereiteten Bergsteigern versucht wird, während am Eiger von Anfang an der große Respekt vor der Nordwand, welcher die weniger begnadeten Bergsteiger schon vom Versuch einer Durchsteigung abhält, Schlimmeres verhindert hat.

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Felstürme in Richtung Eiger-Westgrat zum Gipfel

Der Eiger Trail führt weiter über Stein und Geröll entlang an den imposanten Felswänden westlich der Nordwand und geht dann bald über Gelände mit niedrigen Grasbüscheln, das sanft in Richtung Tal abfällt.

Auf dem Eiger Trail sind, da er so bequem zu erreichen und zu begehen ist, viele Wanderer aus aller Herren Länder unterwegs, aber es ist nicht überfüllt – zumindest nicht, als ich dort war, was aber auch am mäßigen Wetter gelegen haben mag.

Noch vor Erreichen des Abschnitts, der direkt unterhalb der Nordwand verläuft, hat man in westliche Richtung, aus der man gekommen ist, eine schöne Aussicht auf Jungfrau (4158 m), Silberhorn (3695 m) und in der Ferne das mit 1650 m recht hoch gelegene Mürren und die Almen oberhalb des Lauterbrunnentals.

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Jungfrau und Silberhorn, rechts unten Mürren auf einer Terrasse über dem Lauterbrunnental

Das Silberhorn mit seiner charakteristischen weißen Schneekappe kann man noch besser vom Anfang des Eiger Trails und von der Kleinen Scheidegg aus sehen.

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Silberhorn

Der Weg steigt wieder leicht an und nähert sich einem Grat, über den in Richtung Osten der massige Bau des Wetterhorns (3692 m) hervorlugt, das vor allem in Grindelwald die Gebirgsszenerie beherrscht.

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Wetterhorn
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Eiger-Nordwand vom Eiger Trail aus gesehen

Auf dem Grat erreicht man schließlich einen kleinen Aussichtspunkt, der einen Einblick in die Eiger-Nordwand erlaubt. Ein Schild erläutert die klassische Route durch die Wand, die etwa von hier ihren Anfang genommen hat. Man kann den Weg zum Gipfel, der sich in mehrere Teilabschnitte mit fantasievollen Namen – wie „Schwieriger Riss“, „Götterquergang“ oder „Weiße Spinne“ – gliedert, tatsächlich ganz gut mit dem Auge verfolgen.

Aus der Nähe und aus dem spitzen Winkel ist es schwierig, die Wand ganz zu erfassen. Aus etwas größerem Abstand, wie z.B. von der Kleinen Scheidegg aus, hat man einen besseren Gesamtüberblick. Auf dem Grat unten rechts mit dem Grasbewuchs befindet sich der Aussichtspunkt, den der Eiger Trail überquert.

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Eiger-Nordwand von der Kleinen Scheidegg aus gesehen

Die Eiger-Nordwand ist mit etwa 1800 Metern Höhe eine der höchsten Felswände der Alpen. Ausschlaggebender als die Höhe für ihre große bergsteigerische Schwierigkeit ist aber ihre Orientierung in Richtung Norden und die leicht kesselartige Form, die dazu führen, dass sie stets im Schatten liegt, große Teile vereist sind und die Gefahr eines plötzlichen Wetterwechsels in der Wand besteht.

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Blick zum Eiger-Gipfel durch die Nordwand

Selbst bei gutem Wetter in der Umgebung können sich im Kessel der Wand heftige Stürme entwickeln und die Temperatur kann bis zu -40 Grad Celsius stürzen. Hinzu kommt die Gefahr von Steinschlag und Lawinen.

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Wolken am östlichen Rand der Eiger-Nordwand

Es wird gesagt, der Blick von unten in die Wand sei nichts im Vergleich zum Blick von oben. Dort bekäme man erst eine richtige Vorstellung von ihrer Schroffheit und ihren Dimensionen. Ich muss es glauben; ein Beweisfoto dafür kann ich nicht liefern.

Erstmals bestiegen wurde der Gipfel des Eiger schon 1858, allerdings nicht durch die Nordwand, sondern über die leichtere Westflanke. Es folgten Besteigungen auf verschiedenen anderen Wegen, bis nur noch die Nordwand als einzige unerschlossene Route übrig blieb. Lange galt dieser Weg als absolut unbegehbar, bis sich dennoch die ersten Bergsteiger hineinwagten. Die ersten Versuche endeten in Katastrophen, so dass die Schweizer Regierung sogar zeitweilig ein Besteigungsverbot erließ. Erst 1938 gelang die Durchsteigung der Eiger-Nordwand als letzte der großen Alpenwände.

Welche Leistung das ist, kann man vielleicht am ehesten erahnen, wenn man sich vor Augen führt, dass es leichter war, den Eisenbahntunnel der Jungfraubahn über sieben Kilometer mitten durch den Fels des Eigers zu bauen. Diese Bahn, bei deren Bau sogar ein Aussichtsfenster in die Wand geschlagen wurde, ist schon seit 1912 in Betrieb, also 26 Jahre vor der Erstdurchsteigung der Eiger-Nordwand!

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Routen durch die Eiger-Nordwand

Die Route der Pioniere ist heute als Heckmair-Route bekannt. Obwohl die Wand nur 1800 Meter hoch ist, hat die Route durch die vielen Quergänge eine Länge von vier Kilometern. Heckmair und sein Bergsteiger-Team benötigten drei volle Tage für den Weg.

Seitdem hat man bis heute über 30 verschiedene Routen durch die Wand erfolgreich gemeistert und die Geschwindigkeit der Durchsteigung wurde auf ein Maß gesteigert, das kaum vorstellbar ist. So liegt der heutige Rekord auf der Heckmair-Route bei nur noch 2 Stunden und 22 Minuten statt drei ganzen Tagen!

Auf dem ganzen Eiger Trail ist der Blick in die imposante Wand so beeindruckend, dass man fast vergessen könnte, auch einmal in die andere Richtung zu schauen. Dabei bietet der ganze Weg unterhalb der Wand ständig fantastische Aussicht auch in Richtung Tal auf Grindelwald und die Berge nördlich des Eiger.

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Grindelwald mit Wetterhorn

Irgendwann hinter dem östlichen Ende der Eiger-Nordwand wendet sich der Eiger Trail dann Richtung Tal und führt in einigen steilen Kehren bergab zur Station Alpiglen der Wengernalpbahn.

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Ende des Eiger Trails an der Station Alpiglen der Wengernalpbahn

Von dort kann man talwärts nach Grindelwald oder wieder bergauf zur Kleinen Scheidegg fahren, von wo man den besten Blick auf den Verlauf des Eiger Trails im Schatten des Menschenfressers hat.

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Grindelwald mit Wetterhorn, Mättenberg und Eiger

(Fotos vom September 2017)

 

Jungfraujoch und Großer Aletschgletscher

Ein Sackbahnhof hoch über dem grandiosesten Gletscher der Alpen

Wie schafft man es in Europa, aus dem Flachland im Zug auf fast 3500 Meter Höhe zu gelangen, ohne einen einzigen Schritt zu tun? Gar nicht. Aber man schafft es zumindest mit nur sehr wenigen Schritten, die man lediglich für das Umsteigen an Bahnhöfen benötigt.

Die Lösung heißt Jungfraujoch. Es liegt im Berner Oberland in der Schweiz und beherbergt den höchstgelegenen Bahnhof Europas. Eine Fahrt hinauf ist nicht exakt das, was man sich unter einer alpinen Herausforderung vorstellt, aber wenn man schon einmal in der Region ist – wie ich vor knapp einem Jahr – und eine ungefähre Vorstellung davon hat, welcher Ausblick sich da oben bietet, kann man eigentlich nicht anders als es selbst sehen zu müssen.

Wo auch immer man herkommt und ob mit Auto oder Zug, der Weg führt durch Interlaken (568 m), einem Städtchen zwischen Thuner und Brienzer See. Reist man mit dem Zug, wird man spätestens hier das erste Mal umsteigen müssen. Dafür kann man während der Wartezeit am Bahnhof schon einmal den ersten Blick auf das endgültige Ziel der Fahrt werfen.

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Fast in der Kuhle auf dem Grat zwischen Jungfrau rechts und Mönch links sieht man hier schon die Aussichtsplattform des Jungfraujochs mit der Kuppel eines kleinen astronomischen Observatoriums auf einem Felssockel thronen, und man fragt sich: „Wie zur Hölle kann ein Zug da hoch kommen?“ – und was mag man wohl zur anderen Seite hin sehen?

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Ging die Fahrt bis Interlaken noch recht gemächlich durch breite Täler des Schweizer Vorgebirgslandes bergan, so muss man bei der weiteren Fahrt mehr und mehr anerkennen, dass die Schweizer Ingenieurskunst, Eisenbahnlinien durch scheinbar unmögliches Gelände zu verlegen, hier ihren ganz großen Auftritt hat.

In Interlaken kann man sich für eine von zwei Routen weiter bergauf entscheiden: Entweder ist Grindelwald (1034 m) oder Lauterbrunnen (795 m) die nächste Zwischenstation, wobei etwa die erste Hälfte beider Abschnitte, nämlich die Strecke bis Zweilütschinen (660 m), identisch ist. (Tipp: Über Lauterbrunnen hochfahren und über Grindelwald runter, oder umgekehrt, dann hat man beide Aussichten von der Bahn aus, und Zeit und Kosten sind etwa die gleichen.) Sowohl in Grindelwald als auch in Lauterbrunnen muss man wieder den Zug wechseln, der nun „Wengernalpbahn“ heißt, denn jetzt beginnt es auf beiden Weiterfahrten ernsthaft steil zu werden und die Bahnen benötigen Unterstützung durch eine Zahnradmittelschiene. Grindelwald und Lauterbrunnen sind auch die definitiven Endstationen für eine Fahrt mit dem Auto. Ab da geht es nur noch mit dem Zug oder auf Fußpfaden weiter.

Die dritte Zwischenstation ist die Kleine Scheidegg (2061 m), die am Fuße von Eiger, Mönch und Jungfrau liegt und an der die Linie aus Grindelwald und die über Wengen (1274 m) führende Linie aus Lauterbrunnen wieder zusammentreffen.

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Reisegruppen aus Japan und China oder Individualtouristen aus den USA in Europa zu sehen, ist ja sicherlich nichts Außergewöhnliches mehr, aber wo sieht man Familien aus Saudi-Arabien, Ägypten und Indien oder Jugendgruppen aus Vietnam auf Europareise? Die Kleine Scheidegg ist eine Hochalm, an der sich anscheinend die ganze Welt trifft, und alle stehen am Bahngleis für die letzte Teilstrecke hoch zum Jungfraujoch, der eigentlichen „Jungfraubahn“ – falls es nicht gerade regnet und der Himmel wolkenverhangen ist.

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Von Interlaken bis zur Kleinen Scheidegg ist erst die Hälfte der gesamten Höhendifferenz von ca. 2900 Metern überwunden. Die letzten 1400 Höhenmeter übernimmt nun die Jungfraubahn. Diese Bahn ist schon seit 1912 in Betrieb, nachdem ihre Schienen in 16 Jahren Bauzeit über mehr als neun Kilometer verlegt wurden. Die Tatsache, dass es das Jungfraujoch als Top-Europa-Highlight anscheinend in die Kataloge der Reiseanbieter aus aller Welt geschafft hat, ist vor allem dieser Bahnstrecke und der wahrscheinlich gekonnten Vermarktung durch die Schweizer Tourismusorganisation zu verdanken.

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Von den neun Kilometern gehen die ersten zwei bis zur Station „Eigergletscher“ (2320 m) noch durch offenes Gelände, bevor der Zug in einen durchgehenden Tunnel von über sieben Kilometer Länge einfährt, der mitten durch den Fels der beiden Bergriesen Eiger und Mönch verläuft, und ihn bis zur Bergstation auf 3454 Metern Höhe nicht mehr verlässt.

Erste Planungen im 19. Jahrhundert haben sogar vorgesehen, die Bahn nicht nur bis zum Jungfraujoch, sondern nochmal 700 Meter höher auf den Gipfel der Jungfrau zu führen, was aber später verworfen wurde.

Die Bahnlinie wurde von Anfang an als Schlüsselelement geplant, das Berner Oberland und seine Viertausendergipfelwelt dem Tourismus zugänglich zu machen, und hat sich als noch erfolgreicher als vorausberechnet herausgestellt. Die Bahn bewältigt heute eine Dreiviertelmillion Besucher pro Jahr und fährt im Halbstundentakt hinauf und hinunter. Sie ist alles andere als ein Bummelzug; die Züge sind unglaublich lang und fahren, zumindest gefühlt, in einem irren Tempo durch den Tunnel bergauf. Die Jungfraubahn hat ein eigenes Wasserkraftwerk im nahegelegenen Lütschental für die Stromversorgung und gewinnt einen Teil der investierten Energie für die Bergfahrt bei der Talfahrt zurück, indem die bergabfahrenden Züge praktisch nur rollen und dabei selbst Energie erzeugen. Rechnerisch bringen drei talfahrende Züge die Energie für einen bergauffahrenden Zug auf.

Auf der Fahrt durch den Tunnel sind zwei Zwischenstationen vorgesehen, von denen seit 2016 aber nur noch einer für einen Halt genutzt wird. An der Tunnelstation „Eigerwand“ (2864 m) fahren die Züge mittlerweile ohne Pause durch, was sehr schade ist, da an dieser Station Fensteröffnungen mitten in die legendäre Eiger-Nordwand geschlagen sind, durch die man über Grindelwald und weit in die umliegende Bergwelt nördlich von Eiger, Mönch und Jungfrau blicken kann. Es ist interessant zu lesen, was die Jungfraubahnbetreiber dazu bewogen hat, den früheren fünfminütigen Halt an diesen Fenstern aufzugeben: Kurz gesagt seien die straffen Reisepläne der Reiseveranstalter aus Fernost schuld daran, in denen diese zusätzlichen fünf Minuten keinen Platz mehr hatten. Insgesamt sei es überwiegender Kundenwunsch gewesen, möglichst schnell die Bergstation zu erreichen, und schnellere Triebwagen hätten nur zusammen mit dem Verzicht auf diese fünf Minuten Pause einen 90-Minuten-Umlauf eines Zuges ermöglicht, so dass ein Zug z.B. um 09:00 h hochfahren, nach Aus- und Einsteigen der Passagiere an der Bergstation um 09:43 h wieder runterfahren und dann nach erneutem Aus- und Einsteigen an der Talstation um 10:30 h den nächsten Rundlauf beginnen kann.

Wenigstens ist der zweite fünfminütige Stopp an der Tunnelstation „Eismeer“ (3158 m) erhalten geblieben.

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Auch diese Station hat Fenster und in der kurzen Zeit geht es darum, hinauszustürmen und links um die Ecke zu laufen, um sich die Aussicht nicht entgehen zu lassen.

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Die Fenster, die nicht gerade optimal für ein Foto sind, weisen diesmal in Richtung der Gletscher- und Bergwelt südlich von Eiger und Mönch mit den Gletscherbrüchen des Eismeers im Vordergrund und dem Schreckhorn (4078 m) als zentralem markantem Gipfel in der Mitte.

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Die Fahrt endet im Tunnelbahnhof der Bergstation Jungfraujoch auf 3454 Metern Höhe.

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Hier befindet man sich im Berg ein gutes Stück unterhalb der eigentlichen Aussichtsplattform.

Jungfraujoch7Lange Gänge im Fels verbinden verschiedene multimediale Attraktionen, die, so hat man das Gefühl, vor allem die Besucher aus Fernost interessieren, was angesichts der kurzen Zeit, die ihren Reisegruppen oft nur zur Verfügung steht, nicht verwunderlich ist. Man könnte meinen, ihre Zeit ist so kurz, dass sie es nicht einmal bis zur Aussichtsplattform schaffen und gleich wieder runterfahren können.

Am sehenswertesten unter Tage ist vielleicht der „Eispalast“, eine große, künstlich in den Fels gehauene Halle, die ständig unter den Gefrierpunkt gekühlt wird. Verschiedene Formen und Figuren – eher kitschiger Natur – sind in dieser Halle gestaltet. Geländer sorgen dafür, dass man den Spaziergang durch diese Ausstellung aus Eis und den ebenfalls vereisten Weg dorthin ohne Sturz übersteht.

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Auf weiteren unterirdischen Wegen und sogar über Rolltreppen gelangt man auch zu einer für meinen Geschmack geradezu bizarren Statue von Adolf Guyer-Zeller, dem Planer und Erbauer der Jungfraubahn, den man barfüßig und im bronzenen Gewand eines griechischen Gottes unter eine metallene Weltkuppel oder etwas in der Art gestellt hat, in einer Pose, die in großer Anspannung vielleicht etwas wie „Gleich haben wir es geschafft!“, den Moment vor dem letzten Durchbruch des großen Tunnels aus dem Fels, ausdrücken soll. Das Ganze ist schon auf den Gängen und der Rolltreppe zu dieser Installation von pompösen wagnerischen Opern-Ouvertüren-Klängen untermalt und mit einem farbenreichen Lichtspektakel in Szene gesetzt.

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Irgendwann gelangt man dann endlich zu den zwei Aufzügen, die einen nach oben zur sog. „Sphinx“ bringen, wie die Aussichtsplattform auf der Felsspitze des Jungfraujochs geheimnisvoll getauft wurde.

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In schneller Fahrt wird man mit diesen Fahrstühlen etwa 100 Meter nach oben befördert, wo die Ablenkung vom eigentlichen Highlight sich fortsetzt mit Souvenirshops, Restaurants der gehobenen und der Selbstbedienungsart, natürlich einem Geschäft mit Schweizer Uhren, in denen man auch Modelle für 35.000 Franken das Stück erwerben kann, und einem Geschäft des bekannten Schweizer Schokoladenfabrikanten Rindt – die chinesischen Gäste haben allerdings immer Probleme mit dem rollenden R -, in dem mit multimedialen Installationen und Videos über die Kunst der Schokoladenherstellung und -verarbeitung der Geldbeutel gelockert werden soll.

Es ist alles überflüssig, denn es geht auf dem Jungfraujoch eigentlich nur um eins: Einen Blick auf die andere Seite zu werfen!

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Ich hatte bei meiner Ankunft oben gutes, aber nicht perfektes Wetter, denn die Wolkendecke verhüllte zunächst den Großen Aletschgletscher, der sich unter ihr verbirgt, was ein wenig enttäuschend war, auch wenn die wilde Wolkenbrandung in der Ferne am Himmel ihren eigenen Reiz hatte.

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Dafür war die Aussicht zur einen Seite auf den Gipfel der Jungfrau (4158 m) wolkenfrei.

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Und ebenso war zur anderen Seite die Sicht auf den Gipfel des Mönch (4107 m) fantastisch.

Der Eiger befindet sich vom Jungfraujoch aus gesehen hinter dem Mönch und wird von ihm verdeckt.

Nach Norden konnte ich über das Tal und über Grindelwald und die Kleine Scheidegg blicken, von der aus ich gekommen war. Aber die Aussicht in größere Entfernungen bis nach Interlaken oder noch weiter war von einer Wolkendecke verstellt.

Jungfraujoch8Ein Weg durch die Tunnelkatakomben unter der Felsnadel der Sphinx führt nach draußen, wo auf den Schneefeldern des oberen Jungfraufirns, der weiter zum Aletschgletscher nach unten fließt, ein paar Rodel- und Skivergnügungen angeboten werden. Für die meisten Besucher in Turn- und Stöckelschuhen ist am Tunnelausgang allerdings Ende; ab hier geht es nur noch auf schneebedeckten Wegen weiter.

Meines Erachtens ist der beste kurze Abstecher, den man vom Jungfraujoch aus machen kann, eine kleine Wanderung zur Mönchsjochhütte (3657 m), die eine der höchstgelegenen Alpenhütten ist. Der Weg ist nicht weit und sieht harmlos aus, aber trotzdem sind die 30 bis 45 Minuten auf ständigem Schnee mühsamer als man denkt, befindet man sich doch in recht dünner Höhenluft, wo der Puls schon bei kleinen Anstrengungen merklich heftiger in die Höhe schnellt.

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Von hier hat man Aussicht auf das Schreckhorn (4078 m, s. obiges Bild), den Grat zum Trugberg (3932 m) und das Ewigschneefeld, das wie der Jungfraufirn ebenfalls den Aletschgletscher mit Schneenachschub versorgt.

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Während meiner kurzen Wanderung zur Mönchsjochhütte und von dort wieder zurück zum Jungfraujoch waren die Wolken nicht verschwunden, sondern eher dichter geworden. Aber sie waren gestiegen und das gab plötzlich den ersehnten Blick auf den Großen Aletschgletscher frei, den die Wolken vorher wie eine Bettdecke verhüllt hatten.

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Der Aletschgletscher ist mit über 22 Kilometern Länge der größte Alpengletscher. Er beginnt am sog. Konkordiaplatz, an dem sich drei große Schneefirne vereinigen, die den Gletscher mit Schnee- und Eisnachschub versorgen. Man sieht den Konkordiaplatz im Bild oben etwa in der Mitte, wo rechts von Westen die Einmündung eines Firnfeldes, des Großen Aletschfirns, zu sehen ist. Im Vordergrund ist das zweite Firnfeld, der Jungfraufirn. Und das dritte Feld, das Ewigschneefeld, fließt links von Norden auf den Konkordiaplatz zu. Außerdem gibt es noch den von Osten kommenden kleineren Grüneggfirn, der den Konkordiaplatz zusätzlich nährt. Von da aus fließt der Aletschgletscher bergab in Richtung Süden, wo am Ende sein Schmelzwasser in die Rhone mündet.

Die beiden Mittelmoränen aus Geröll, die den Aletschgletscher wie die Spurlinien einer Autobahn über die ganze Länge begleiten, sind durch die Firnzuflüsse aus den drei Richtungen entstanden. Das Eis des Aletschfirns nimmt die rechte Spur, das des Jungfraufirns die mittlere, und das Eis des Ewigschneefelds und des Grüneggfirns die linke Spur.

Am Konkordiaplatz hat das Eis des Gletschers die enorme Dicke von über 900 Metern, von wo es mit ca. 180 Metern pro Jahr talwärts fließt. Ein Blick in den Abgrund einer Gletscherspalte dort muss furchteinflößend sein!

Mittlerweile war die Sicht auf die Jungfrau und die umliegenden Berge durch die aufsteigenden Wolken nicht mehr so gut und auch die Aussichtsplattform der Sphinx auf der Felsspitze des Jungfraujochs war in dichten Nebel gehüllt.

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Aber das tat der Betriebsamkeit im Gebäude der Sphinx und in den Gängen unter Tage keinen Abbruch. Das Kommen und Gehen der Züge im Bahnhof Jungfraujoch kennt zwischen Morgen und spätem Nachmittag keine Pause.

Frühe Bergbeobachter aus dem 16. Jahrhundert hielten fest: „Die Jungfrau ist ein sehr hoher, von ewigem Schnee und Eis starrender Berg, daher völlig unzugänglich.“ Sie konnten nicht ahnen, wie sehr sie sich getäuscht hatten!