Kein grünes Leuchten

Wie man sieht, sieht man nichts

Werbeanzeigen

OlymposRoom

Als ich vor gut einem Monat in Ólympos auf Karpathos war, hatte ich dort dieses ungerechtfertigt günstige Zimmer mit einer Aussicht, die mich erst einmal minutenlang trotz durchaus heftigen Windes angewurzelt und überwältigt auf dem Balkon stehen ließ. Etwa 100 Meter über der Westküste bot sich ein freier unverstellter Blick über die Ägäis, der bis zum Horizont reichte.

Als sich der Tag dem Abend neigte, die Farbe des Himmels langsam in tiefes Blau überging und sich am Horizont dann der erste Hauch von Rot abzeichnete, wurde mir klar, dass dieser Balkon nicht der schlechteste Ort für die Beobachtung eines Sonnenuntergangs sein würde.

Ich hatte schon zwei, drei Fotos der langsam sich dem Horizont nähernden Sonne aufgenommen, als mir durch den Kopf schoss, dass es doch da dieses angebliche und seltene Phänomen beim Sonnenuntergang gibt, das ich noch nie gesehen hatte: Das grüne Leuchten.

Zum ersten Mal hatte ich von diesem Phänomen im gleichnamigen Film von Éric Rohmer gehört. Obwohl ich mich kaum noch an die Szene des Sonnenuntergangs – es mag auch ein Sonnenaufgang gewesen sein, denn da zeigt sich das grüne Leuchten ebenfalls – erinnern kann, vielmehr an die Szene mit den rauschenden Baumwipfeln, die ein schweigender Naturgeist zu beleben scheint, ist mir dieser seltene Moment beim Sonnenuntergang im Gedächtnis geblieben.

Ich hatte keine Ahnung, ob bestimmte besondere Voraussetzungen bestehen müssen oder ob das Phänomen von speziellen klimatischen Bedingungen abhängt, aber es war auch mittlerweile keine Zeit mehr, das herauszufinden und zu prüfen, also stellte ich mich auf den Balkon und fing völlig unprofessionell an, bei vollem Kamerazoom etwa im 10- bis 30-Sekundentakt aus der Hand ein Foto aufzunehmen – mit folgendem Ergebnis:

SunsetOlympos

Wie man sieht, sieht man nichts. Jedenfalls nichts in Grün. Auch genauere Pixelanalysen in Paint (wie gesagt: unprofessionell) haben mir nicht das kleinste grüne Fünkchen offenbart.

Ist das grüne Leuchten nun ein Mythos oder nur der Phantasie eines französischen Regisseurs entsprossen? Tatsächlich haben das viele Laien lange Zeit geglaubt, aber heutzutage bringt die Eingabe des Begriffs in eine Suchmaschine viel zu viele Treffer mit Videos und Fotos ans Tageslicht, die in dieser Menge nicht alle einer konzertierten  Verschwörung zur Irritation der Menschheit entsprungen sein können. (Na gut, Leute die nicht an die Mondlandung glauben, glauben vielleicht trotzdem nicht ans grüne Leuchten.)

Ich habe also im Nachgang recherchiert, warum meine Suche nach dem grünen Leuchten fehlgeschlagen sein könnte. Zunächst einmal war eine sehr wichtige Bedingung erfüllt: Idealerweise beobachtet man den Sonnenuntergang – oder -aufgang – gegen einen sehr fernen und damit niedrigen Horizont , der durch keine Berge, Hügel oder noch so kleine Erhebungen verstellt und angehoben wird. Der schnurgerade, flache Horizont über dem Meer ist daher perfekt, und ein leicht erhöhter Standpunkt hilft zusätzlich. (Das grüne Leuchten ist aber auch gegen eine Gebirgskette möglich, wenn man sich nur selbst an einem Punkt befindet, der hoch genug ist.) Das Phänomen ist an keine Klimazone, bevorzugte geographische Breite oder irgendwelche speziellen Partikel in der Luft gebunden. Es ist im Wesentlichen nur auf Optik und Geometrie zurückzuführen und kann im Prinzip überall beobachtet werden.

Falsch ist allerdings, nur alle 10 bis 30 Sekunden ein Foto aufzunehmen, denn das grüne Leuchten wird nicht umsonst auch grüner Blitz genannt, da das Phänomen tatsächlich nur 1 bis 2 Sekunden andauert.

Obwohl es theoretisch möglich ist, dass ich gerade im Moment des grünen Blitzes kein Foto gemacht und ihn deshalb einfach übersehen habe, gehe ich eher davon aus, dass die in der Ferne zu diesige Luft das Problem war, denn tatsächlich wirkt der Luftschleier über dem Horizont wie eine sehr flache Hügelkette, die dazu führt, dass die Sonne eigentlich optisch nicht erst unter dem wirklichen Horizont verschwindet, sondern schon etwas früher und damit etwas höher hinter den Luftschwaden versinkt. Eine völlig klare Luft am Horizont ist also ebenfalls eine entscheidende Voraussetzung, um das grüne Leuchten beobachten zu können.

Diese Voraussetzungen ergeben sich mehr oder weniger direkt aus der physikalischen Erklärung des grünen Leuchtens, das auf eine unterschiedlich starke Beugung und Streuung der verschiedenfarbigen Lichtstrahlen von der Sonne in der Erdatmosphäre zurückzuführen ist – oder, besser gesagt, des weiß-gelben Lichtstrahls von der Sonne, der an der Atmosphäre wie an einem Prisma in mehrere Farben gebrochen wird. Dabei werden rote und gelbe Lichtstrahlen beim Eintritt in die Atmosphäre weniger stark gebeugt als grüne und blaue Strahlen. Durch diese Beugung erreicht das grüne und blaue Licht das Auge des Betrachters einen Augenblick länger als das rote und gelbe Licht, wenn nur noch ein winziges Segment der Sonnenscheibe über dem Horizont übrig geblieben ist. Der kurze Moment, wenn nur noch der grüne Anteil verbleibt, ist der grüne Blitz.

GreenFlashPhysics

Wenn man so will, kann man im grünen und blauen Spektrum eine kurzen Augenblick um die Erdkrümmung herum und hinter den Horizont blicken, während gelbe und rote Strahlen durch ihre geringere Beugung über das Auge hinweggehen und es nicht mehr erreichen. Der ganze Effekt ist umso deutlicher, je niedriger der Horizont ist, da dann der Weg des Lichts durch die Atmosphärenschichten am längsten und die Beugung der Lichtstrahlen am stärksten ist.

Obwohl das Phänomen für den blauen Anteil des Lichts noch ausgeprägter sein sollte, da blaues Licht noch stärker gebeugt wird als grünes Licht, macht es sich nicht bemerkbar, da Blau an den Luftmolekülen stärker gestreut wird und der blaue Anteil sozusagen in alle Himmelsrichtungen abgelenkt wird und dadurch im Auge nichts mehr in Blau ankommt. Oder fast nichts mehr! Denn es gibt tatsächlich auch einen sehr schwachen blauen und sogar violetten Blitz, der aber noch ungleich schwerer zu beobachten ist als das grüne Leuchten.

Bis ich vielleicht eines Tages eine Gelegenheit bei besseren Bedingungen erwische, muss ich wohl aufs Erste neidisch auf andere Quellen zurückgreifen, die das grüne Leuchten bei Sonnenuntergang eingefangen haben:

Oder auch bei Sonnenaufgang.

Die ganz hohe Schule des blauen und violetten Blitzes, die hier z.B. am Observatorium auf La Palma mit seinen atmosphärischen Superbedingungen fotographisch verewigt wurden, stelle ich erst mal ein paar Tage zurück.

 

Karpathos – Tag 5

Stes und Kállenes – Lástos – Voláda – Acháta – Kirá Panagiá – Lefkós – Finíki

Stes und Kállenes

Stes liegt etwas abseits vom Weg zwischen Pilés und Óthos, die beiden Dörfer, die ich schon tags zuvor besucht hatte, und es ist wirklich winzig und eher als verstreute Siedlung denn als richtiges Dorf zu erkennen.

Stes

In Stes dreht sich alles um eine Kirche und ein einmal im Jahr stattfindendes Fest, für das eigens ein großer Parkplatz angelegt wurde, der die übrige Zeit leer ist.

StesChurch

Noch abgeschiedener und kleiner ist die Nachbarsiedlung Kállenes, in welche die Leute ziehen, wenn es ihnen in Stes zu laut ist. Jedenfalls gibt es auf dem Weg dahin eine Windmühle.

KallenesWindmill

Lástos

Lástos ist eine Siedlung mit ein paar verstreuten Häusern, einem Militärgelände der griechischen Luftwaffe in der Nähe und einer einzigen Taverne. Was Lástos interessant macht, ist, dass es in ca. 800 m Höhe am Fuß des Kalí-Límni-Massivs – dem höchsten Berg auf Karpathos – liegt und den Charakter einer Hochalm in fast alpiner Lage hat.

Lastos

Eine Straße führt hinauf und der Ort ist ein guter Ausgangspunkt, um von dort auf den nochmal gut 400 m höheren Kalí Límni zu wandern – wenn man denn am Wandern in der schattenlosen Sonne Spaß hat – oder fast schattenlos: Gerade vom Gipfel zurückkehrende Wanderer versicherten mir, dass es genau einen Baum auf der Strecke geben soll.

Trotz der weitgehend öden Karstlandschaft gibt es auch hier oben weite Flächen, die in irgendeiner Form bewirtschaftet werden.

Lastos2

Voláda

Voláda ist ein Dorf, das unterhalb der Lástos-Alm an der Straße von der Ostküste nach Óthos liegt.

Volada1

Volada2Highlight des Dorfes ist eine einzelne Palme, die schon aus der Ferne nicht zu übersehen ist und deren Erhaltung die Bewohner äußerst ernst nehmen und der sich alle anderen Belange unterzuordnen haben. Sie stellt selbst Architekten und Bauunternehmen vor Herausforderungen.

Ob das Gebäude ein verstärktes Dach gegen herabfallende Kokosnüsse hat, konnte ich leider nicht erkennen.

Von Voláda aus ging es dann wieder vorbei an Apéri in Richtung Ostküste, an der es noch zwei besondere Strände zu besuchen gab.

Acháta

Um den Strand von Acháta zu erreichen, muss man eine kilometerlange Zufahrtsstraße in Kauf nehmen, die von der östlichen Hauptstraße von Süden nach Norden abzweigt.

Achata1

Am Ende der Straße erreicht man eine kleine unbesiedelte Bucht mit einem Kiesstrand, die von beiden Seiten in Felsformationen eingefasst ist. In das Höhlensystem kann man angeblich teilweise hineinschwimmen und darin wieder eigene Mini-Strände entdecken.

Achata2

Auf der Strecke nach Acháta konnte ich auch die Ergebnisse eines jüngsten Waldbrands sehen, ein Problem, von dem Griechenland generell immer wieder in größerem oder kleinerem Ausmaß betroffen ist.

Achata3

Kirá Panagiá

Die Anfaht nach Kirá Panagiá an der Ostküste ist ähnlich weit wie die nach Acháta und auch sonst sind die beiden Strände vergleichbar: Kiesstrände mit glasklarem türkisgrünem Wasser, die in von Felswänden umgebenen Buchten liegen.

KiraPanagia1

Kirá Panagiá ist aber touristisch deutlich erschlossener und die ganze Bucht ist von einem kleinen Ort mit Hotels und Tavernen umgeben, die auch auf die täglich ankommenden Ausflugsbusse und -boote vorbereitet sind.

KiraPanagia2

Lefkós

Lefkós an der Westküste ist der Ort, der die meisten touristischen Unterkünfte bietet, was im Wesentlichen daran liegt, dass sich in seiner allernächsten Umgebung gleich vier Sandstrände befinden.

Lefkos1

Aber von Überfüllung kann man – wie fast überall auf Karpathos – auch hier nicht reden.

Lefkos2

Finíki

Finíki ist ein Fischerdorf mit einem winzig kleinen Hafen kurz vor Arkássa, das auf der ganzen Insel für seine Fischtavernen bekannt ist.

Finiki1

Der angebotene Fisch kommt in der Regel direkt aus eigenem Fang und wird sofort am gleichen Tag in den Tavernen angeboten, von denen einige direkt an der kleinen Hafenstraße liegen und andere etwas erhöht mit schöner Aussicht über das Dorf und den Hafen.

Finiki2

 

Karpathos – Tag 4

Menetés – Pigádia – Óthos – Pilés

Auf dem Weg nach Menetés, das eines der Ziele des nächsten Tagesausflugs war, gab es die Gelegenheit, einen Blick von der Westküste auf Kássos, eine kleinere Nachbarinsel von Karpathos, zu werfen.

ViewToKassos

Kássos ist ein ziemlich nackter Felsen, auf dem sich aber dennoch ein Fischerort befindet und der nur mit dem Schiff erreicht werden kann. Wie so viele andere griechische Inseln war Kássos einst für ihren dichten Waldbestand bekannt, der aber durch Abholzung und die nachfolgende Verkarstung völlig ruiniert wurde. Eine schon in ferner Vergangenheit verursachte und menschengemachte ökologische Katastrophe!

Menetés

Menetés ist der zweitgrößte Ort auf Karpathos und liegt in den Bergen auf halbem Weg zwischen Arkássa und der Hauptstadt Pigádia. Wenn man sich der Stadt von oben nähert, sieht man nicht nur Menetés selbst, sondern auch Pigádia in der Ferne an der Ostküste von Karpathos.

Menetes1

Die Gassen durch den Ort sind ähnlich verschlungen und durch die Hanglage steil wie die durch Messochóri, jedoch macht Menetés einen geschäftigeren Eindruck. Immer wieder hört man von irgendwo Hämmern, Tackern und Pressluftbohren.

Trotz des gelegentlichen Lärms kann man sich auch in Menetés schnell im Wirrwarr der Gassen und Häuser verlaufen. Lediglich entweder aufwärts oder abwärts zu gehen hilft manchmal für eine grobe Orientierung.

Menetes2

Hier fiel, wie auch schon in anderen Dörfern, einmal wieder die nach Ziegen und Bienen dritte bestimmende Tierart von Karpathos auf: Katzen, die teilweise in Hülle und Fülle durch die Orte streifen oder träge in schattigen Plätzchen liegen.

Cats

Pigádia (Karpathos-Stadt)

Pigádia, die Hauptstadt und der größte Ort von Karpathos, war für mich eine Enttäuschung. Der Hafenhalbkreis mit einer Überfülle an meistens lauten Tavernen an einer Asphaltstraße und die Haupteinkaufsstraße in der zweiten Reihe dahinter hatten keinen besonderen Reiz, auch wenn das Bild des Hafens sich in einem hübschen Schein präsentiert.

Pigadia1

Nur gelegentlich vermittelte eine farbenfrohe Taverne den Eindruck, sich doch in einem alten Fischereihafen zu befinden.

Pigadia2

Óthos

Nach Óthos, das ich eigentlich für den nächsten Tag geplant hatte, kam ich nur, weil ich mich verfahren hatte – bis zu einem Punkt, wo der Weg über die Berge zurück nach Arkássa via Óthos einfach kürzer war als wieder umzukehren.

Óthos ist das höchstgelegene Dorf von Karpathos – es liegt tatsächlich höher als Olympos, auch wenn es nicht so wirkt, da es im Unterschied zum Dorf im Norden in eine recht grüne Hügellandschaft eingebettet ist.

Othos1

Verlässt man einmal die mit ein paar Tavernen und Geschäften durchaus auf Touristen eingestellte Hauptstraße, so präsentiert sich der zwar hügelige, aber nicht so sehr am Steilhang wie Messochóri oder Menetés angelegte Ort still und leer. Zur frühen Nachmittagszeit tritt hier einfach niemand vor die Tür.

Othos2

Pilés

Pilés übertrifft die Beschaulichkeit von Óthos jedoch noch. Hier ist selbst die Hauptstraße leer und es wäre gar nichts zu hören gewesen, wenn nicht jemand mit dem Handy auf Lautsprecher telefonierend vor einem Internetcafé (!) gesessen hätte.

Piles1

Pilés besitzt eine besonders schön hergerichtete Kirche, wie man überhaupt in dem Ort einen auffallenden Hang zur Ordnung und Sauberkeit zu haben scheint.

Piles2

Denn auch das Bild zeigt unten links ein bemerkenswertes Detail in Blau: Ja, das ist ein öffentlicher Mülleimer! Ich weiß nicht, wie oft ich in Griechenland mit Müll in der Hand herumgelaufen bin und ihn einfach nicht los wurde, weil nirgendwo ein Mülleimer zu finden war. Mein Verdacht ist ja, dass das Fehlen öffentlicher Papierkörbe der Hauptgrund dafür ist, warum so mancher Winkel auf einer griechischen Insel in verlottertem Zustand ist. Der gewöhnliche Grieche bringt vermutlich die Geduld nicht auf, stundenland Müll in der Hand zu führen, und wirft ihn dann mangels Mülleimer in die nächste Ecke. (Ein einheimischer Grieche hat mich bei anderer Gelegenheit vor seinem eigenen Geschäft auch selbst dazu aufgefordert: „Wirf’s auf die Straße, das machen hier alle!“)

Pilés hat durch das Aufstellen von zwei bis drei Mülleimern auf der Hauptstraße eine kleine entsorgungstechnische Revolution herbeigeführt. Und man sieht dem Ort das Ergebnis tatsächlich an.

 

Der Weg zurück nach Arkássa führte dann stetig bergab zur Westküste, die sich langsam glitzerernd auf den Sonnenuntergang vorbereitete.

Shimmering

Und auch das Outback im Küstenhinterland leuchtete im Spätnachmittagslicht noch etwas rötlicher.

Outback

 

Karpathos – Tag 3

Ágios Nicólaos – Messochóri – Arkássa

Am dritten Tag bin ich von Olympos nach Arkássa im Südwesten von Karpathos umgezogen, aber nicht ohne ein paar Zwischenstopps eingelegt zu haben. Auf dem Weg von Olympos zurück nach Spóa bin ich einigen oft gesehenen Bewohnern der Inseln begegnet. Man sagt, im Norden von Karpathos leben mehr Ziegen als Menschen und sie scheinen dort überall recht frei herumlaufen zu können. Wirklich scheu sind die meisten nicht.

Goats

Ágios Nicólaos

Bei Spóa zweigt dann eine lange Straße ab, die steil hinunter nach Ágios Nicólaos an der Ostküste führt.

AgiosNicolaos1

Das ist ein sehr versteckter Ort, der sich aber durch seinen kleinen Strand mit außerordentlich klarem Wasser auszeichnet.

AgiosNicolaos2

Nur die Kräuselungen der Wasseroberfläche vom Wind können die völlige Durchsichtigkeit des Wassers beeinträchtigen.

AgiosNicolaos3

Messochóri

Auf der Weiterfahrt nach dem auf halbem Weg zwischen Nord- und Südende von Karpathos liegenden Messochóri – dem „Dorf in der Mitte“, wie es recht wörtlich übersetzt heißt – bin ich der zweiten bedeutenden Nutztierart der Insel begegnet – Bienen! Imkerei und Handel mit Honig aus allen denkbaren Blütenarten sind ein starker Wirtschaftszweig auf Karpathos. Glücklicherweise sind diese Insekten in der Regel mit sich selbst und ihrer Arbeit beschäftigt, insbesondere wenn sie ihre eigenen Häuser haben und darin ungestört bleiben.

MessochoriBees

Messochóri gilt als besonders schönes Dorf auf Karpathos, macht aber einen viel wohlhabenderen und aufgeräumteren Eindruck als Olympos und hat nicht dessen wilde Gebirgslage. Das Meer ist hier näher, wenn auch das Dorf nicht bis zu seinen Ufern heranreicht.

Messochori1

Messochori2Obwohl das Dorf aus der Ferne nicht groß aussieht, ist es einfach, sich im Labyrinth der Gassen und Wege zu verlaufen und völlig die Orientierung zu verlieren, wenn man es erst einmal von der oberhalb des Ortes verlaufenden Straße betreten hat.

Die Suche nach einem Café im unteren Ortsteil hat mich ein zweimaliges ab und auf und wieder ab durch den Ort gekostet, und anderen Gästen dort ist es ähnlich ergangen – nicht wirklich ein Vergnügen auf den steilen Treppen in der Nachmittagshitze, wo kein Grieche, den man nach dem Weg fragen könnte, auf die Straße geht.

Immerhin habe ich durch diese Irrwege mehr zufällig eine interessant in einen Winkel des Ortes gepferchte Doppelkirchenkonstruktion entdeckt – eine optimale bautechnische Raumausnutzung in schwieriger Hanglage.

Messochori3

Messochori4

Arkássa

Es wurde langsam spät, als ich Arkássa erreichte.

Arkassa1

Aber es war noch früh genug, um bei Sonnenuntergang mein erstes Bad in der Ägäis zu nehmen.

Arkassa2

Arkássa ist nun wieder ein ganz anderer Ort: Touristisch ausgebaut, laut und mit langen Abenden, auch wenn ein Hund dem Mittelpunkt der Tavernenkonzentration mal die optimale Brennweite stehlen kann.

Arkassa3

Arkassa4Die musikalische Umgebung glich hier einer Schlacht: Links House, rechts Rock, von vorne Elektro und im ersten Stockwerk griff der Wirt, kurz bevor die Küche schloss, selbst zu Lyra und Stimmband und bekämpfte all das mit traditionellen griechischen Harmonien.

Ein wenig wirkte das auf mich nach allzu einfachen Kinderliedermelodien, um den internationalen Gästen die Chance zu geben mitzusingen – oder eher mitzusummen oder -brummen. Kein Vergleich mit dem Schweinsbalgspieler – oder woraus auch immer das dudelsackartige Instrument gemacht war, das ich in Olympos gehört hatte -, bei dessen zwar ebenfalls einfachen Tönen ich das Gefühl hatte, jahrtausendealte überlieferte Musik zu hören, so fremdartig und fern wirkten diese Klänge. Und dazu war auch kein Gast in der Lage mitzusummen.

 

Karpathos – Tag 2

Ólympos – Diafáni – Awlóna – Wurgúnda (Fehlversuch)

Ólympos

Mein Hotel war auf der Westseite des Hanges, über den sich Ólympos sozusagen wölbt. Das ist die Seite, die zur Westküste zeigt und die großartigsten Ausblicke bietet. Alle Balkone zeigen in diese Richtung.

OlymposViewFromHotel

Und Westen heißt natürlich, dass der Sonnenuntergang direkt vom Balkon aus zu sehen ist.

OlymposSunset

Die Westhangseite des Dorfes habe ich im Verlaufe der zwei Tage, die ich in Ólympos war, mehrfach zu verschiedenen Tageszeiten und bei verschiedenen Wetterverhältnissen aufgenommen, auch jeweils vom Balkon des Hotels aus.

OlymposX4

Allgegenwärtig sind auf dieser dem Wind zugewandten Seite auch Windmühlen, von denen jedoch die wenigsten in Betrieb und die meisten nicht einmal mit Segeln bespannt oder gar ganz verfallen sind.

OlymposWindmill

OlymposWindmill2Dass ich die Mühlen, die nur noch eine Windradnabe erkennen lassen, anfänglich für verfallene Geschütztürme gegen von See anstürmende Piraten – mit für die Touristen eigens eingefügte ungefährliche Holzstümpfe statt echte Kanonenrohre – gehalten habe, führe ich besser nicht weiter aus.

In den Mühlen, die noch zumindest zeitweise in Betrieb sind, wird übrigens ganz dem traditionellen Zweck einer Windmühle entsprechend Weizen gemahlen und kein Strom erzeugt.

Ólympos ist nicht groß: Ein kleiner Platz im „Stadtzentrum“ mit einer Kirche, eine Einkaufsstraße mit Geschäften und Tavernen …

OlymposMainSquareAndShoppingStreet

… und viele versteckte und verwinkelte Gassen in mehr oder weniger gutem Zustand.

OlymposStreets

Doch wo auch immer man durch Ólympos spaziert, es tut sich überall zwischen den Häusern eine großartige Aussicht auf das Meer und die Berglandschaft auf.

OlymposViewjpg

Diafáni

Diafáni ist die nördliche kleine Hafenstadt von Karpathos.

Diafani

Pendelverkehre vom Haupthafen Pigádia legen hier an und ab, gelegentlich größere Fähren von Piraeus und Rhodos und Ausflugsboote an die Nordspitze der Insel oder zu verschiedenen entlegenen Stränden.

DiafaniHarbour

Nichtsdestotrotz ist es ein sehr beschaulicher Ort, in den sich nicht allzu viele Touristen verirren und an dem nicht nur am Strand viele Plätze frei sind.

Diafani2

Awlóna

So mancher in Ólympos sagte mir, ich müsse unbedingt Awlóna weiter im Norden besuchen und von dort zu Fuß nach Wurgúnda weitergehen, Awlóna sei fantastisch und sie hätten da alle Verwandte oder Felder, die sie mit Olivenbäumen bestellen.

Awlóna liegt in einer Art Hochebene. Hier endet die Straße und weiter in Richtung Norden kommt man nur noch zu Fuß oder vielleicht auch teilweise noch mit einem geländegängigen Fahrzeug.

Awlona

Wenn man in das Dorf hineinfährt, kommt man zwangsläufg an der einzigen Taverne vorbei. Kurz dahinter hielt ich an, um zwei Gäste, die auf der Terasse der Taverne saßen, nach dem Weg nach Wurgúnda zu fragen.

Wurgúnda (Fehlversuch)

Sie beschrieben mir in eindeutig britischem Englisch, dass der eigentliche Fußweg zwischen zwei großen Bäumen startet, auf die ich treffen würde, wenn ich ein paar weitere hundert Meter fahren würde.

Die Straße war inzwischen in eine Schotterstraße übergegangen und bei der Weiterfahrt musste ich mich sorgfältig auf etwaige Schlaglöcher konzentrieren. Auf einer größeren Schotterfläche parkte ich und ging zu Fuß weiter, bis ich die zwei Bäume fand, in deren unmittelbarer Nähe ein sehr ängstlicher und zu Panik neigender Esel angebunden war.

OnTheWayToWurgunda2

Jedenfalls dachte ich, die zwei Bäume gefunden zu haben, und ging weiter, bis ich den Weg, auf dem ich zu sein glaubte, nicht mehr als Weg erkennen konnte. Er verflüchtigte sich immer mehr in der kargen Gestrüpplandschaft.

OnTheWayToWurgunda1

Irgendwo weiter unten würde Wurgúnda mit dem schönen antiken Badepool liegen, der nur von Mehrwasserwellen gefüllt wird. Ich drehte um, da es bergab langsam zu heikel wurde. Auf dem Rückweg fand ich dann zwei weitere Bäume – Feigenbäume -, die eindeutig gemeint waren und neben denen sich sogar ein Wegschild befand. Ich hatte sie bei meiner Fixierung auf die Schlaglöcher der Straße und ihre Umfahrung einfach übersehen.

Als ich wieder an der Taverne vorbeikam, saßen die beiden immer noch da. Ich erzählte, dass  ich die Bäume übersehen habe, und man sah mich nur traurig mit den Worten „Oh, my dear“ an. Ich nutzte die erstbeste Gelegenheit, auf Wiedersehen zu sagen, und machte mich schnell davon.

 

Karpathos – Tag 1

Vom Flughafen nach Olympos

Gut, dass mein Reiseführer mich darauf vorbereitet hat, dass die Südspitze von Karpathos, an der auch der Flughafen liegt, nicht das großartigste Stück Natur ist, das man je gesehen. Ich hätte sonst vielleicht direkt nach der Landung gefragt, wann der nächste Flug zurück geht.

Völlig flach, monoton, trocken, steinig und mit niedrigen Sträuchern durchsetzt präsentiert sich die Insel dem ankommenden Reisenden, wenn er den Flughafen verlässt und vom heftigen und entnervenden Wind umtost wird. Eine Art mediterraner Tundralandschaft, die man eigentlich nur schnell hinter sich lassen will, außer man ist Windsurfer, dann ist es das Paradies, oder zumindest die angrenzenden Strände sind es.

Afiártis

AfiartisAls ich an der Küste mit dem Mietwagen entlangfuhr, konnte ich allerdings keinen Surfer sehen – mögicherweise war es mit kurz nach 9 Uhr morgens dafür noch zu früh – und so entschloss ich mich, von meinem Plan schon in der allerersten Phase abzuweichen und Afiártis ganz zu überspringen, zumal ich auch den verrotteten türkischen Frachter nicht gesehen habe, der laut Reiseführer dort an der Küste hätte liegen sollen, aber inzwischen vielleicht doch geborgen wurde.

Lakkí und Amopí

LakkiAmopiDer erste Stopp war dann Lakkí und Amopí, mit einer Landzunge, die ins Meer hineinragt – gekrönt von der obligatorischen Kapelle, denn auf der Insel lässt man sich keinen exponierten Punkt für einen christlich-orthodoxen Stempel entgehen – und ein paar hübschen Feldern in kraftvollem Gelb.FieldsLakkiAmopie

In Amopí habe auch ich gefrühstückt – enttäuschedes Toastbrot en masse mit Marmelade im mit Alufolie überzogenen Plastikschälchen, die eine schmutziggelbe Färbung zeigte und auch kaum nach Erdbeeren schmeckte.

Pigádia habe ich auch übersprungen, abgesehen davon, dass ich am Rand der kleinen Stadt vorbeigefahren bin und schnell etwas Wasser aus einem Supermarkt mitgenommen habe,

Apéri

Apéri habe ich dann als schon interessanter empfunden – ein Bergdorf, dem man in der Tat seinen Wohlstand ansieht und das mit nur einer einzigen Taverne und nirgendwo offensichtlich zu sehenden Hotels kaum auf Tourismus eingestellt ist und ihn wahrscheinlich auch nicht nötig hat.

Aperi

Hier rückte auch ein Dauerthema in den Vordergrund: Kapellen, Kirchen, Basilikas. Die griechisch-orthodoxe Kirche hat nicht nur auf Kultur und Feste einen beherrschenden Einfluss, sondern auch auf das Landschaftsbild.

AperiChurches

Mertónas

EastCostAuf dem Weg in Richtung Mertónas wurde die Landschaft grüner und vor allem immer gebirgiger. Zur Seite der Ostküste in Richtung Norden taten sich immer häufiger grandiose Ausblicke über die Südägäis auf oder tief unten waren kleine EastCostBeachStrände an der Ostküste zu erkennen.

Langsam näherte ich mich Mertónas und war gespannt auf die erwähnte „sprudelnde Quelle“. Eine kleine Straße, die auch in meinem Resieführer erwähnt ist, führte ein paar Meter hinab auf einen Platz, der vor einer kleinen Kirche lag. Ich stellte mein Auto auf dem Kirchvorplatz ab, der völlig menschenleer war, und ging die noch fehlenden ca. 100 Meter zu einem zweiten Platz, auf dem sich die sprudelnde Quelle befinden sollte.

Und in der Tat war beim Näherkommen ein – sagen wir mal – gurgelndes Sprudeln zu hören. Allerdings blieb es bei einer Quelle für die Ohren, zu sehen war nämlich nur ein Deckel im Boden, aus dem die Geräusche offensichtlich entsprangen. Genaugenommen waren sie eigentlich ununterscheidbar von den Geräuschen aus einem Abwasserkanal.

Mertonas

Aber es war ein schöner schattiger Platz mit Aussicht zur Mittagszeit.

Ápella

Ápella ist einer der schönen Strände an der Ostküste und er war nur optional auf meinem Plan, aber da die Zufahrt zu ihm von der Hauptstraße aus eine der kürzeren ist, entschied ich mich, den Abstecher zu machen, zumal die erste Aussicht auf den Strand reizvoll aussah.

Apella

Nach einigen Kehren bergab erreichte ich einen Punkt, an dem ich direkt umdrehen konnte: Keine Parkplätze. Nicht dass der Strand überfüllt wäre, die Anzahl der Leute vor Ort ist überschaubar, aber die Anzahl der Parkplätze eben noch überschaubarer.

Apella2Etwas weiter aufwärts am Hang parkte ich am Seitenrand und ging zu Fuß wieder herunter. Zwischendurch hatte ich einen guten Blick nach unten und mir fiel auf, dass das Wasser wirklich außerordentlich klar ist – was ich später immer wieder auf Karpathos bemerkt habe.

Apella3Der Strand ist allerdings ein Kiesstrand, vielleicht auch mit ein Grund für die Klarheit des Wassers; es kann eben kein Sand vom tobenden Badevolk aufgewirbelt werden. Die im Wasser verstreuten größeren Felsbrocken fügen sich ebenfalls gut in die Badelandschaft ein und wurden von manchen als Sprungtürme genutzt.

Auf dem Weg nach Olympos

Weiter in Richtung Olympos über Spóa wird die Landschaft immer rauher und der Wind nimmt – wie zuvor in der Afiártis-Ebene – wieder ruppige Formen an. Und es ist recht offensichtlich, aus welcher Richtung der Wind ständig fegt.

OnTheWayToOlympia

OnTheWayToOlympia2Spóa selbst habe ich aus Zeitgründen übersprungen und mich direkt auf die letzten 18 Kilometer von Spóa nach Olympos gemacht, zumal das Wetter zunehmend von den griechischen Göttern verlassen worden zu sein schien. Beim Packen hatte ich mich noch selbst ausgelacht, eine warme Jacke mitgenommen zu haben, aber Griechenland ist eben doch nicht nur Sonnenschein an Küstenstreifen.

Die Strecke ist kurvenreich und weitgehend menschen- und autoleer – Begegnungen mit Ziegen auf der Straße sind aber durchaus häufiger möglich. Oft geht es zu einer Seite steil abwärts und zur anderen erheben sich senkrecht Felswände, die streckenweise die Straße ordentlich mit kleinem Geröll bestreut haben.

OlymposIrgendwann biegt man dann plötzlich um eine Ecke und sieht die Kulisse von Olympos vor sich. Dass man in den Ort nicht hineinfahren kann, war mir bekannt, aber ich hatte mich nicht ausführlich damit beschäftigt, wie es nach dem Parken am Ortseingang weitergeht. Letzten Endes bin ich dann mit kleinem Gepäck erst mal ins Dorf zum Hotel gegangen, habe eingecheckt und dann den Rest geholt, der doch einigermaßen beschwerlich über einige Stufen hochgeschleppt sein wollte.

Aber Olympos selbst ist noch ein folgendes Kapitel für sich.

 

Karpathos? Wo liegt das?

Eine Fluggesellschaft auf der Suche nach einem ihrer Ziele

Normalerweise wäre diese Frage nicht überraschend, wenn man nicht gerade mit jemandem spricht, der Griechenland schon gut bereist, in Geographie besonders aufgepasst hat oder Archäologe ist… oder vielleicht mit der Mitarbeiterin einer Fluggesellschaft, die Karpathos als Ziel im Programm hat.

Aber bei der Gepäckaufgabe für meinen Flug war ich dann doch verblüfft… und wurde auch etwas nervös:

„Guten Morgen, ich habe schon online eingecheckt und möchte nur mein Gepäck aufgeben.“

„Wo fliegen Sie hin?“

„Karpathos.“

Sie sieht mich recht ernst an. „Wo liegt das?“

Ich bin etwas irritiert. Muss ich der Fluggesellschaft die Lage eines ihrer Ziele erklären, zu dem sie in weniger als zwei Stunden aufbrechen werden?

„Das liegt zwischen Kreta und Rhodos.“

„Dann sagen Sie doch Rhodos!“

Das ist noch irritierender. Warum sagt sie gerade Rhodos und nicht Kreta? Vielleicht kennt sie auch Kreta nicht. Ich glaube, sie hielt mich für einen Hardcore-Pauchaltouristen, der ihr nicht mehr als den Namen seines Hotels nennen konnte, und sie nahm an, Karpathos wäre mein Hotel auf Rhodos.

„Ich will aber nicht nach Rhodos. Karpathos ist eine eigene Insel und kein Ort auf Rhodos.“

Jetzt verfinsterte sich ihre Miene doch deutlich und ich erwartete jeden Moment, mit einem „Wollen Sie mir jetzt meinen Job erklären?“ angepfiffen zu werden. Zugegeben, ich erwarte auch nicht wirklich gute Laune von jemandem, der 03:00 h morgens am Schalter eines Flughafens sitzen muss.

Aber sie sagte nur: „Zeigen Sie mir mal Ihre Bordkarte!“

Ich gab sie ihr und erwiderte: „Hier bitte… Aber bitte schicken Sie mich und mein Gepäck auf keinen Fall nach Rhodos.“

Sie tippte schweigend auf ihre Tastatur und starrte stirnrunzelnd in den Monitor. Nach einem Augenblick brachte sie ein knappes „Ah“ hervor. Sie schien Karpathos endlich entdeckt zu haben!

Nun, ich fand mich wenig später tatsächlich im richtigen Flug wieder – jedenfalls kam irgendwo im verschlafenen Genuschele des Flugkapitäns und den im Rekordtempo heruntergeleierten Sicherheitshinweisen ein Wort vor, das zumindest wie „Karpathos“ klang…